Warum Pegida und Gamergate sich gar nicht so unähnlich sind

Jüngst in der Vice wurden die Reaktionen auf die doch eigentlich supertolle Nachricht gesammelt, dass Deutschland einer weltweiten Umfrage zufolge (Link und Infos dazu hier) superdupergeil sei. Da empörte man sich tatsächlich, dass Deutschland zum “besten Land der Welt” gekürt wurde und die Angst schlug hoch, dass dies eine Art unfreiwilliges Reiseprospekt für die oft erwähnten, selten erlebten Wirtschaftsasylanten, im Dresdner Volksmund auch “Schmarotzer” genannt, sein könnte.

Als äußerst politisch korrekte Person mit eindeutigen feministischen Tendenzen fiel mir auf diese Reaktionen hin unmittelbar die ebenfalls sehr lautstarke Fraktion der Gamergate-Apologisten ein, die es sich zum Lebensziel gemacht haben, feministische Kritik an Videospielen bis hin zur Morddrohung zu, ahem, “diskutieren”.

Die Gemeinsamkeiten sind überraschend vielfältig:

  1. Eine Demographie

Der weiße Mann (beim Gamergate eher jünger, in der Pegida eher in den späten Vierzigern angesiedelt) gehört zur Ballungsgruppe dieser diffusen Stimmen, die natürlich – bevor sich jemand beschwert (sicherlich ein weißer Mann) – auch andere Bevölkerungsgruppen beinhalten, aber eben doch nicht so sehr, dass man beim Blick auf die Gruppe nicht an Kneipenstammtische oder W-LAN-Partys denken muss, in denen es wahlweise nach Bier & Rauch (Pegida) oder Schweiß & Käseflips (Gamergate) riecht.

  1. Die missverstandenen Außenseiter

Man fühlt sich sehr missverstanden in diesen Gruppen. Die Gamer waren eh und je die von bösen Schul-Mobbern geplagten Nerds, die nie ein Mädchen abkriegen konnten, weil alle Mädchen eh nur auf Arschlöcher stehen. Die Pegida-Anhänger sehen sich als das geplagte (Wir sind das) Volk, das von allen Seiten (Presse, Politik, Political Correctness) unterdrückt und seiner Rechte auf Meinungsfreiheit beraubt wird.

  1. Das wird man ja wohl noch – Meinungsfreiheit

Beide Gruppierungen sehen sich übrigens sehr in ihrem Recht eingeschränkt, das doch mal sagen zu dürfen. Meinungsfreiheit dient hier ein wenig als Totschlagargument, allerdings nicht in der traditionellen aka richtigen und vor allem rechtlichen Definition, sondern in folgender:

Ich darf alles sagen, was ich will, sei es noch so rassistisch, sexistisch, rechtlich fragwürdig und menschenverachtend. Meine Meinungsfreiheit schützt mich vor Kritik, sie schützt mich davor, dass meine Kommentare in sozialen Netzwerken und unabhängigen Medien gelöscht werden und sie schützt mich sogar davor, dass jemand mich als “Nazi” oder “Sexist” bezeichnen darf, obwohl alles darauf hinweist, dass ich es bin.

  1. Die missverstandenen, exklusiven Außenseiter

Eine Öffnung der Gruppe bzw. eine Vereinnahmung der Themen von anderen Demographien wird derweil als große Bedrohung angesehen, etwa durch die urbane Legende, dass auch Frauen Videospiele spielen. Und wenn diese blöden “Fakten” das nun belegen, dann spielen sie eben nicht die richtigen Spiele und was die richtigen Spiele sind, entscheiden immer noch die Gamergater und sonst niemand.

Bei Pegida verweigert man sich hingegen der linken Politik, die ja ebenfalls etwas gegen den neoliberalen Kapitalismus hat (allerdings verwendet Pegida dieses Wort im Gegensatz zu den Linken eher selten), aber dann irgendwie doch das Land zerstören will.

Sowieso wollen alle, die ähnliche Ziele aber nicht genau dieselben (Geschlechtsmerkmale, Hautfarben, Vorurteile) Wertvorstellungen haben, eigentlich nur das Geliebte (Games oder Deutschland) ruinieren.

  1. Die Sache mit dem Maß

Wenn wir schon beim Maß sind, reden wir doch kurz über Heiko Maas, der bei einem Beitrag über seine schicken Anzüge (maasgeschneidert?) in den Kommentaren mit Beschimpfungen und Drohungen überhäuft wurde, weil er sich sehr deutlich zur Flüchtlingspolitik (findet er gut, ebenso wie gutsitzende Anzüge) geäußert hat.

Eine maßvolle Reaktion bzw. eine Kritik in Maßen wurde auch bei Anita Sarkeesian knapp verpasst, nachdem die feministische Gaming-Kritikerin (und passionierte Gamerin) nach einigen Videos zum Thema Sexismus in der Gamer-Welt massiv bedroht wurde. Ähnlich ging es der unfreiwilligen Gamergate-Initiatorin, Zoe Quinn, die durch das angebliche Erschlafen von guten Kritiken ihres Spiels mehr oder weniger zur Depression hin gemobbt wurde, da sie allein für den Niedergang des Gaming-Journalismus verantwortlich gemacht wurde.

  1. Das Opfer sind wir

Trotz alledem werden selbst vergewaltigte Frauen in Köln nicht als Opfer, sondern die armen Männer, denen diese Frauen gehören (?) und die sie nicht mehr schützen können, dargestellt. Wo will man denn da hin, wenn die Ausländer nun die ganzen Frauen wegschleppen und vergewaltigen, was bleibt denn da noch für die deutschen Männer übrig (Für ein wenig Zusatzempörung darüber ein bisschen mehr von Margarete Stokowski)?

Und auch die Gamer, also vorwiegend diejenigen, die gerade noch Morddrohungen an eine ihnen unbekannte Frau geschickt haben, weil sie sich gegen Sexismus in der Gaming-Industrie ausgesprochen hat, sehen sich arg in ihrer Lebenswelt bedroht und fürchten schon, dass es bald gar keine knackigen Pixel-Pos mehr in den Spielen gibt und sowieso werden doch auch Männer ganz schlimm dargestellt (urgh, all diese Sixpacks) und das ist doch mindestens, wenn nicht überhaupt sogar viel schlimmer!

  1. Und auch das: kein Zugang

Wer sich derartig weit vom Diskurs entfernt und quasi fast am Rande der Vernunft an einer Klippe campt, um dort seine DDOS-Attacken, Merkel-Hangwomen und Anschläge auf Flüchtlingsheime plant, zu dem ist der Zugang verständlicherweise sehr schwer.

Und auch wenn es zahlreiche Gamergater und Pegida-isten gibt, die scheinbar ruhig argumentieren und auch gar keine bösen Wörter in den Mund nehmen (zumindest nicht so direkt vor den Kameras oder in öffentlichen Foren), so sind diese Argumente wie ein Chipotle-Menü – eigentlich ganz schmackhaft, aber im Abgang doch nur Durchfall.

Die Fakten aus der “Lügenpresse” sowie Studien über Studien zur Flüchtlingsthematik, Sexismus und den tatsächlichen Geschehnissen werden hinter stinkenden Müllbergen an überspitzten urbanen Legenden begraben, die aus Nicht-Fakten (gerne unrecherchiert und weitergegeben, denn anscheinend sticht die stille Post die “Lügenpresse” aus) und angeblichen Autoritätspersonen als Quellen besteht, die vielleicht auf dem Schulhof der Gamer und Pegida-isten die coolsten Bros sind, den Diskurs aufgrund ihres Verhaltens, ihrer fehlenden Sachkenntnis und ihrer Verachtung der Logik eigentlich auch nur von Weitem und gerade so mit blinzelnden Augen (er) kennen.

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