Urbane Legenden: Märchen statt Nachrichten

Vor kurzem wurde eine Minderjährige von Flüchtlingen vergewaltigt und ein Flüchtling verhungerte dank des LaGeSos.

Na gut, das ist so nie passiert, aber es wurde so und so ähnlich nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern auch in den Medien verbreitet.

Die Urbane Legende wird zum Journalismus-Problem

Im englischsprachigen Volksmund spricht man bei derartigen Geschichten von sogenannten “Urbanen Legenden”. Das sind Geschichten mit spannenden Plots (Mord und Totschlag bevorzugt), die in einer Art stillen Post von einer Person zur nächsten weitergegeben werden und die immer einem Freund, einer Freundin, dem Schwager der Cousine oder der Tante einer Kollegin passiert sind. Diese Geschichten zeichnen sich vor allem dadurch als urbane Legenden aus, dass sie je nach Erzähler ausgeschmückt und irgendwelchen ganz konkreten Orten oder Menschengruppen zugeschrieben werden. Sie erhalten dadurch eine Art News-Charakter, da es doch ganz bestimmt ein Muslime war, der in irgendeinem ganz bestimmten Kaff in Deutschland in einem Supermarkt mit vollgepackten Taschen an der Kasse vorbeigerannt ist, ohne zu zahlen. Manchmal wird die Geschichte auch damit ergänzt, dass er schnippisch (und scheinbar in perfektem Deutsch) erwidert, dass ja “Mama Merkel alles zahlt”. Eine leicht abgeänderte Version dieser Geschichte konnte man übrigens kurz nach dem Mauerfall hören, der Antagonist war da jedoch irgendein “Ossi”, der Ort irgendein westdeutsches Kaff (wer mir nicht glaub, mag den Bestseller “Die Spinne in der Yucca-Palme” zu Rate ziehen, der auch deutsche Urbane Legenden gesammelt hat).

Willkommen im Echo Chamber

Urbane Legenden werden in Amerika gerne am Lagerfeuer, in Camps und in lockeren Unterhaltungen erzählt, sie sind eine Art Kulturgut, das oftmals eher Kuriositäten und Halbwahrheiten in faszinierend-groteske Geschichten verpackt.

In der deutschen (Sozialen) Medienlandschaft werden diese urbanen Legenden aktuell jedoch eher genutzt, um Stimmung zu machen. Stimmung gegen Linke, Rechte, Flüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge, Politiker und wer einem noch so einfällt. Besonders auf Facebook und Twitter verbreiten sich diese Märchen sehr schnell und leider oft auch ohne hinterfragt zu werden.

Das ist in den sozialen Medien schon dramatisch, denn wir alle werden von den klugen Zuckerberg-Algorithmen mit Dingen und Meinungen und Beiträgen eingewickelt, die unseren politischen Meinungen entsprechen und so drehen sich diese Bonmots zuckerwattenartig zu gigantischen (gehaltsleeren) Geschichten, die eben nicht in den Diskurs kommen, sondern in das sogenannte “Echo Chamber”, also einem Meinungsraum, der nur eine einzige Meinung zulässt und verdaut. In den sozialen Netzwerken gibt es einige davon und selbst die Autorin gehört sicher zu dem ein oder anderen.

Märchen statt Nachrichten

In den professionellen Medien (für alle, die “Lügenpresse” nur in Anführungszeichen schreiben) werden diese Urbanen Legenden jedoch zu einer gefährlichen Waffe der rechten oder linken Extremisten, die sowieso keine Gegenargumente zulassen. Denn die professionellen Medien haben einen Autoritätsanspruch, bei ihnen werden Urbane Legenden zu Nachrichten und damit zu Wahrheiten. Wir erinnern uns: Urbane Legenden sind Geschichten, die mit austauschbaren Details wie Märchen erzählt werden, um zu belustigen, zu unterhalten oder als Propaganda-Material für irgendwelche Vorurteile zu dienen. Sie sind keine Nachrichten, denn niemand reist den Ursprüngen einer Urbanen Legende nach.

Gut, irgendwann tun es die professionellen Medien dann doch, irgendwann, nachdem irgendjemand doch noch dazu gekommen ist, zu fragen, wo denn nun der Zeuge ist, der den LaGeSo-Flüchtling sterben gesehen hat. Aber bis dahin gibt es schon zahlreiche “Nachrichten”-Beiträge angeblicher professioneller Medien, die eifrig auf den sozialen Netzwerken (zurück am Lagerfeuer) geteilt werden und zwar nicht mehr als Märchen, sondern als Fakt. Ob das Mädchen, das kürzlich in Marzahn vermisst wurde, dann wirklich von einem Flüchtling vergewaltigt wurde oder nicht, ist dann nicht mehr für die Leute relevant, die schon längst wieder in ihrem Echo Chamber sitzen und nicht noch die nächsten Tage die Nachrichtenlage verfolgen.

Ich will keine schnellen, sondern informative Nachrichten

Der Druck auf die Medien, immer schneller zu werden und immer schneller auf Berichte in den sozialen Medien zu reagieren, wächst immens. Die Kritik an der Berichterstattung während und nach des Pariser Anschlags zeigt ausführlich, was professionelle Nachrichtenagenturen leisten müssen.

Das heißt jedoch nicht, dass sie Twitter und Facebook als Quelle nutzen können, ohne zu recherchieren, immerhin ist die Recherche ein integraler Punkt jeder professionellen Berichterstattung und solange Fakten nicht klar sind – auch das Kölner Nachrichtendebakel hat dies gezeigt – ist weniger mehr, bevor man sich überwirft und zum Sprachrohr der extremen Rechten (oder Linken) instrumentalisiert wird.

Und liebe Social Media-Nutzer: wer im Diskurs bleiben will, sollte sich auch einmal genauer mit Quellensuche und Recherche auseinandersetzen, ansonsten nützt die ganze Angst vor der “Lügenpresse” nichts, wenn man sich stattdessen von seinen Facebook-Freunden einen Bären nach dem anderen aufbinden lässt.

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