Ehe für alle: Können wir das blöde Afd-Stockfoto jetzt mal in Ruhe lassen?

Heute wird für die #Ehefüralle abgestimmt, also dafür, ob auch homosexuelle Paare klassisch heiraten dürfen oder sich weiterhin mit der Ehe Light-Version der eingetragenen Partnerschaft (exklusiv für homosexuelle Paare) begnügen müssen.

Dass das zwar irgendwie toll, aber nicht so richtig zum Feiern ist, hat Frank Stauss schon an anderer Stelle viel besser beschrieben (ich empfehle, so knackig bitter können Leseempfehlungen sein).

So, nun hat die Afd – nicht gerade überraschend – nochmal klar gemacht, dass sie das ganz furchtbar finden und sich bei Pixabay, einem kostenlosen Stockfotoanbieter, bedient, um ein Foto einer angeblich “korrekten” Familie/Ehe zu zeigen. Darauf zu sehen: 2 Frauen, zwei Jungs, ein Mann. Da das Bild unter CC0 Public Domain läuft, kann ich es sogar hier posten:

Pixabay: Fünf Farben: Rot

So. Und nun kommt das progressive Netz, zu dem ich mich eigentlich auch zähle und lacht erstmal: Haha, soll das eine Ehe mit zwei Frauen und einem Mann sein? Ist die typische Familie der Afd ein lesbisches Paar mit einer männlichen Hebamme (nennt man das dann einen “Hemanne”?). Ist es ein polyamuröses Paar? HAHAHAHAHA! Dann findet man auch heraus, dass das Bild, immerhin ist es ein Stockfoto, schon für Scheidungsanwälte und Artikel zur Polyamorie verwendet wurde. HAHAHAHAHAH!

Ich lache ja sonst immer gerne gehässig mit, aber in diesem Falle finde ich das Ganze irgendwie total bescheuert.

Erstens ist es tatsächlich ein Foto einer klassisch heterosexuellen Familie, wie man sie aus angestaubten Bilderbüchern, aber auch deutschen Fernsehfilmen kennt. Zwei Söhne, eine Tochter, Mann und Frau. Ja, die Frau sieht also sehr jung bzw. die Tochter etwas älter aus. Da muss man jetzt nicht so eklig werden und hier ein offensichtlich junges Mädchen zur Geliebten der älteren Frau machen oder das Ganze zu einer polyamourösen Situation, nur damit man so einen Witz quer durch Twitter und wieder zurück zerren kann.

Zweitens: da stellt eine Familie Fotos kostenlos zur Verfügung in der Hoffnung, man möge sie für schöne Zwecke verwenden, ohne teure Lizenzgebühren zahlen zu müssen: Tipps für das perfekte Weihnachtsfest, Familienplanung und wahrscheinlich auch den einen oder anderen Eheratgeber. Und dann wird sie nicht nur für so’n Schmarrn wie Afd-Propaganda verwendet, nein, das ganze Netz macht sich auch noch über die offensichtlich uralt aussehende Tochter lustig und überlegt sich merkwürdig detaillierte Beziehungskonstellationen unter den Familienmitgliedern. Vom Spott über die Afd ist man da schnell zum gehässigen Lästern über eine sehr harmlose US-amerikanische Familie angekommen. Ganz toll.

Und Drittens: anstatt sich hier das Bild zu nehmen und darüber herzuziehen, hätte das Netz etwas viel Besseres machen können, was beispielsweise Wissenschaftlerinnen gemacht haben, nachdem so ein Sexist öffentlich erzählt hatte, dass Frauen durch ihre sexy Outfits männliche Wissenschaftler vom Arbeiten abhalten würden.

Warum denn nicht Familienbilder verschiedener Familienmodelle posten? Warum nicht das Hashtag #DasIstEineFamilie verwenden und Fotos von echten polyamourösen Familien, Familien homosexueller Partner, alleinerziehenden Müttern oder Vätern, Familien mit transgender Kindern oder Eltern, Patchworkfamilien, etc.pp. posten und verbreiten, um somit diese negative Ausrichtung des originalen Tweets in eine positive Botschaft umzukehren?

Was? Wäre das zu schön und optimistisch und irgendwie sogar liebenswert im Vergleich zum typischen deutschen Häme-Twitter?

Too sexy for the Leipziger Buchmesse: vom grumpy old Schlips*

Carsten Otte ist empört: nachdem sich die Leipziger Buchmesse doch so wunderbar ernst und politisch gezeigt hat, im Jahr 2017, im Brexit-Jahr, im Trump-Jahr, im Erdogan-Jahr, verderben bunt gekleidete CosplayerInnen den Spaß bzw. den Ernst.

In einem wütend missmutigen Kommentar auf swr.de (Kulturthema), erklärt er:

Selbst wenn Verboten etwas Autoritäres anhaftet, sollten die Kostümorgien endlich von der Messe verbannt werden.

Ausschlag dieses Aufrufs zur Bekleidungsetikette war ein Videointerview der Schriftstellerin Asli Erdogan, die “aus ihrem türkischen Arrest nach Leipzig zugeschaltet wurde” (mehr über und von ihr übrigens hier zu lesen).

Ob die Schriftstellerin sich freuen würde, wenn ein Literat den jungen Fans der Cosplay-Kultur die Daseinsberechtigung an der Literaturmesse verbietet, weil ihr Verhalten seiner Vorstellung des korrekten Verhaltens auf einer derartigen Messe nicht entspricht?

Margarete Stokowski findet, dass Herr Otte sich da zu ernst gibt. In ihrer SPON-Kolumne geht sie auf genau diesen Widerspruch ein: das Verbieten einer Ausdrucksmöglichkeit, die der parallel verlaufenden Diskussion (im Videointerview) über das Verbieten von Ausdrucksmöglichkeit nicht formell genug ist.

Aber überlegen wir doch einmal, was hier noch dahintersteckt.

  1. Dieser “Messefasching”, so Otte, würde die Hallen verstopfen und sich doch gar nicht für Literatur interessieren. Welche Literatur der Autor von “Der gastrosexuelle Mann” damit meint, kann man hier nur erahnen. Wahrscheinlich nur die, die Herr Otte gerne liest. Dass auch Literaturformen wie Graphic Novels, Comics und Mangas einen Platz in der Literaturszene haben, das wissen wohl auch nur diejenigen, die sich mal irgendwann mit der Vielfalt und Qualität dieser Kunstform beschäftigt haben. Zumindest scheint es, als wären MessebesucherInnen, die keine “richtigen Bücher” lesen, keine richtigen MessebesucherInnen. Alles klar.
  1. Es gibt für die Leipziger Buchmesse, wie ich in diversen Kommentaren zum Thema erfahren habe, eine klare Kleiderordnung für CosplayerInnen. Diese ganze nackte Haut, die Herr Otte da so oft gesehen haben will, liegt also – wenn der Einlass nicht hier und da mal ein Auge zugedrückt hat – im Ermessen des Betrachters. Darf ich hier kurz anmerken, dass es im Jahr 2017, inklusive Burka-Verbot in Österreich, Trumps unsäglicher Politik zum Thema Schwangerschaft und Co sowie dem Heilige/Hure-Problem unseres Frauenbildes, reichlich problematisch daherkommt, wenn ein Herr im mittleren Alter von “halbnackten Hasen” (die Allegorie alleine macht das aus stilistischer Sicht sehr problematisch, übrigens) und minderjährige Cosplayer in “pornographischen Posen” redet?

Unabhängig davon, was im Hintergrund einer von Natur aus eklektischen Messe stattfindet, hätte man sich da schon etwas mehr Reflexion gewünscht. Waren sie wirklich halbnackt, die Hasen? Oder hat man einfach nur mehr als den für Herrn Otte akzeptablen Knöchel der Fräulein gesehen?

  1. Stokowski schreibt in ihrem Kommentar etwas, das in dieser Diskussion unbedingt betont werden muss:

Ich fand es auch schwierig, das alles im Kopf zusammenzukriegen. Nicht die Cosplayer, sondern die ganze Messe, das Durchschleusen von Büchern im Halbstundentakt, egal ob es darin um Völkermord, Sexkinos, Luther oder einen Ostfriesenkrimi geht. Aber es geht, die Leute hören zu.

Die Leipziger Messe ist politisch, aber nur in Teilen. Es reihen sich banalste Ergüsse an politischen Zündstoff an dramatische Autobiographien. Jede Form der Literatur hat dabei ihre Bewunderer und Kritiker und jede Form der Literatur hat eine andere Ausdrucksweise. Dass Fans von Ottes Kochbuch für den Mann wahrscheinlich denken, dass Kochbücher, die nicht speziell für Männer geschrieben sind, zu schlecht für starke, sehnige Männerhände und wulstige Geschmacksknospen sind, muss mich nicht begeistern, aber bringt mich auch nicht dazu, zu fordern, dass diese Leute bitte nicht auf der Messe ihr offensichtlich überschäumendes Testosteron verbreiten.

Dass die Ausdrucksform auch mal Kostüme annimmt, ist doch im Grunde eher ein Zeichen der Begeisterung. Wie schade, eigentlich, dass Fans von Ostfriesenkrimis nicht in Friesennerzen aller Farben auf der Messe erscheinen. Ein Verlust gar.

Herr Ottes Forderung ist problematisch, weil sie sich eine bestimmte Personengruppe herauspickt und als inakzeptabel im Rahmen der ernsteren Momente der Messe bezeichnet. Doch wie weit soll das gehen? Auf einer bunten Messe sind die Leute aus unterschiedlichen Gründen da. Das Interview mit der Schriftstellerin war nicht der Titel der Messe, daher ist es entsprechend absurd zu verlangen, dass für dieses Interview alle anderen Messegäste vergessen sollen, was sie tun, weswegen sie dort sind, um andächtig zuzuhören.

Ich kann mich natürlich daran stören, dass jemand während so eines Interviews laut dazwischenredet, lärmt oder sich abfällig über die Schriftstellerin äußert. Aber wenn ein Ausdruck der Freiheit in einer Demokratie einfach nur so im Hasenkostüm vorbeiläuft, dann sollte ich mein Möglichstes tun, das – vielleicht auch genervt – zu schätzen zu wissen.

*Den “grumpy old Schlips” habe ich mir übrigens vom wortgewandten Ben Kaden (@bkaden) geklaut.

Laurie Penny im Nimmerland: Subjektivität ohne Reflektion ist Egozentrik

Aktuell schwirrt ein Longread (5000+ Wörter) durch das feministische Interweb und sorgt für große Euphorie. Laurie Penny, bereits seit Jahren exklusiv wohl die einzige Feministin, die nicht nur von Milo Yiannopoulos geduldet, sondern wiederholt auf Vortragstouren und andere Events eingeladen wird, schreibt über dessen Armee der “verlorenen Jungs” und will eine Menschlichkeit finden, die sie bereits bei Milo in früheren Beiträgen ins Visier genommen hat. Versteckt zwischen diesen oberflächlich kritischen Beiträgen (was nicht schwer ist, da sie so unglaublich, enorm, überzogen und wahrscheinlich unnötig lang sind) ist eine Verharmlosung, die aus einem Privileg heraus entstanden ist. (more…)

Falschaussagen bei Vergewaltigungen: in dubio pro Angeklagter

Aktuell wird der Fall von E. James in den Medien zertrampelt. Die ehemalige Big Brother-Teilnehmerin hatte einen Mann wegen Vergewaltigung angezeigt, woraufhin die Richterin die Klage abwies mit dem Vergleich, dass Frau James hier eine “Gina Lisa” abziehe. Abgesehen davon, dass der Fall Gina Lisa aus gerichtlicher Sicht sehr merkwürdig und geradezu generös gegenüber den Angeklagten verlief (Angeklagter B musste ja nicht mal im Gerichtssaal erscheinen), ist es relativ widerlich, als Richterin hippe Vergleiche zu ziehen, anstatt mal die Sache und auch die Klägerin sowie Gina Lisa etwas ernst zu nehmen.

Apropos ernst. Wenn es um Falschaussagen von Vergewaltigungen geht, dann nehmen vor allem Männer das sehr ernst. Rechtsanwalt Mirko Laudon, auch als Strafverteidiger tätig, schreibt also über diesen Fall, um darüber aufzuklären. Komisch, dass er bei dem Stichwort “Vergewaltigung” fast ausschließlich über Falschaussagen schreibt, obwohl doch bewiesene Falschaussagen eher spärlich gesät sind.

Ja, und hier kommt dann unsere verehrte Erzählerin, also ich, ins Spiel, die einen Twitter-Dude, der ganz empört über solche lügenden Frauen davon berichtet und dem ich also schrub, dass es immer wieder überraschend ist, wie häufig doch Falschaussagen in den Medien ausgeschlachtet werden, während die anderen Fälle, also die, wo bewiesen jemand vergewaltigt wurde, anscheinend super mega langweilig sind.

Und dann folgt die Reihe an Erklärungen:

 

– naja, das ist halt so, man sucht sich immer das besondere, um darüber zu berichten.

Stimmt, daher berichten ja auch so viele Medien gerne über muslimische Terroristen in Deutschland, aber so selten über rechte Terroristen in Deutschland. Funktioniert super.

 

– naja, vielleicht ist das ja auch sein Fachgebiet, das mit den Falschaussagen.

Klar, weil man sich auch als Anwalt so gut auf Falschaussagen spezialisieren kann. Wie soll das gehen? Nimmt man dann generell in dubio pro reo für den Angeklagten zur Grundlage, aber die Klägerin ist (muss ja) generell als Lügnerin zu verstehen?

 

– naja, aber beim konkreten Fall hat es ja gepasst.

Ja, aber warum denn spezifisch darüber berichten und das immer und immer wieder und über keine anderen Vergewaltigungsfälle, so als gäbe es so etwas wie eine echte Vergewaltigung gar nicht?

 

– nun schaden aber solche Frauen auch echten Vergewaltigungsopfern

Ja, gibt es die überhaupt, wenn man Strafverteidiger Laudon glauben mag? Was Vergewaltigungsopfern schadet ist, dass sie per se beweisen müssen, dass sie keine LügnerInnen sind. Es gibt zig Gerichtsfälle verschiedenster Bereiche, in denen gelogen wurde und wird. Dennoch glaubt man den meisten Klägern erst einmal, wenn sie sagen, dass sie beraubt, überfallen oder verprügelt wurden. Warum ist es also bei Vergewaltigungsopfern dennoch etwas anderes? Warum sind ausgerechnet diese Opfer so sehr in der Bringschuld? Und warum wundert es dann noch irgendjemanden, warum die Zahlen der zur Anzeige gekommenen Vergewaltigungen so fucking niedrig sind?

 

Echt mal, was für eine Scheiße ist das denn?

 

Einmal Werbung bitte: aronia+ und das Geheimnis der “Indianer”

Aronia ist ja aktuell sehr hip als Frucht und sowieso. Und Früchte sind ja bekanntlich recht gesund, sollte man ab und an mal essen, wegen Vitamin C und weil Schokolade einfach fetter macht als so ne Erdbeere. Aber dass die Lifestyle/Health-Industrie deshalb immer wieder davon ausgeht, dass diese Früchte – je exotischer desto besser – plötzlich homöopathisch anmutende Wunderkräfte haben, ist immer wieder erstaunlich. Noch erstaunlicher ist jedoch, wenn daraus Werbung wird, die nicht nur nicht stimmt, sondern auch noch 20 Jahre zu spät kommt, weil Political Correctness und so.

Fangen wir mit der Prämisse an. Welches Arschloch geht denn bitte mit ner tierischen Erkältung zur Arbeit und niest da in die Hand (Leute, in die Armbeuge niesen, dann schmiert’s den Kram nicht überall hin) und dann auch noch auf die Kollegen!? Würde man den Kollegenschweinen wirklich noch so ein wirkungsloses und sicher teures Placebozeugs mit Zucker und Aronia anbieten? Naja, wahrscheinlich schon, weil es eh nicht hilft und man wünscht, dass es schlimmer wird, so dass sie endlich zuhause bleiben müssen.

Dann aber plötzlich ein deutsches Model in ein 12€ teures “Indianer”-Kostüm aus der guten alten “Das wird man ja wohl noch tragen dürfen”-Faschingsabteilung in leider immer noch jedem Kaufhaus zu stecken, um dann zu behaupten, dass die “Indianer” (dat heißt “amerikanische Ureinwohner”, Ihr Dödel) das schon hatten und deshalb immer so gesund waren, obwohl nachgewiesen ist, dass amerikanische Ureinwohner merkwürdigerweise zig Mal anfälliger für Erkältungen sind als der gute alte weiße Mann aus Europa samt Nachfahren, das ist ist dann schon sehr dreist.

Und wo wir schon mal dabei sind: was ist eigentlich “oxidativer Stress”? Den Begriff gibt es zwar auf Wikipedia, aber komischerweise steht da auch das: “Trotz zahlreicher Korrelationen von oxidativem Stress mit verschiedenen Krankheitszuständen konnte noch kein gesicherter Zusammenhang bewiesen werden.” Entsprechend dann auch, übrigens, keine Therapie. Selbst mit Aronia+ nicht. Wie gut, dass auch Kinder davon (nicht) profitieren können.

Christoph Sieber: Some people just want to watch the world burn

Christoph Sieber ist Kabarettist und hat sich aktuell in einem Video zur ganzen Trump-Sache geäußert. Das Ganze Clickbait-stilistisch mit der Überschrift: Warum ich froh bin, dass Donald Trump gewählt wurde.

(wer übrigens genug Muße hat, sich das Video ganz anzusehen, hier ein Fun Fact: die armen Arbeiter, “die kleinen Leute da unten”, die haben mehrheitlich Clinton gewählt. Auch so ne Sache, die ich an sowas ärgerlich finde – dass gerade an Fakten immer so viel Schwund ist im YouTube-Geschwafel. Aber das passt dann ja nicht mehr zu dem Solidaritätsgeschwurbel am Ende, das hier im folgenden Text ansonsten fast unerwähnt bleiben soll, weil ziemlich…grenzwertig)

In diesem Video erklärt Sieber nicht nur, dass Trump vs. Clinton so etwas wie Pest und Cholera war (wie oft denn noch: nein, und wer was anderes behauptet, hat sich diese Wahl aus einer sehr begrenzten Breitbart-gesponserten Schlüssellochperspektive angesehen), sondern auch, dass es gut ist, wenn es jetzt so richtig schlimm wird, weil man dann mal so richtig was dagegen tun kann. Diese Revolutionsromantik die gab es bereits vor der Wahl reichlich und auch ich muss zugeben, dass mein erster Gedanke beim Hören des Wahlergebnisses war: *bockig* “Na dann sollen sie doch jetzt mal mit dem Ergebnis leben und sehen, was draus wird. Dann ändern sie vielleicht alle mal ihre Meinung, JETZT wird ein Ruck durch die Welt gehen.”

Das Problem ist, dass “sie” nicht alle und nicht mal mehrheitlich Trump gewählt haben und dass diejenigen, die ihn nicht gewählt haben (und einige, die es getan haben), gar nicht den Luxus haben, zur Revolution aufzurufen, weil sie ganz andere Probleme haben werden. Ich freu mich ja, wenn so ein Dude im recolution-Sweatshirt (eco und Fair Trade-Mode im Streetwear-Look, Wahnsinn!) dasteht und sich freut, dass Trump gewonnen hat, während Trump schon jetzt versprochen hat, dass jegliches Klimaabkommen abgebrochen wird und die nicht erneuerbaren Rohstoffe wieder so richtig Konjunktur bekommen sollen. Wie groß muss denn das Facebook-Feature mit der Riesenschrift jetzt werden, dass man die Ironie, die darin liegt, adäquat ausdrücken kann?

Das Problem ist auch, dass diejenigen, die nicht wählen konnten, weil sie sogenannte “illegale Einwanderer” sind, ganz bestimmt nicht auf der Straße stehen und Sieber bejubeln, wenn sie als eine der ersten Amtshandlungen von Trump abgeschoben werden sollen (und zwar mitsamt ihrer in Amerika geborenen Kinder, wenn es nach ihm geht).

Sieber wird auch keinen Applaus von der schwarzen Bevölkerung Amerikas bekommen, wenn “stop & frisk” wieder eingeführt wird, was nachweislich dazu geführt hat, dass vorwiegend junge, schwarze Männer von der Polizei ohne Verdacht auf eine Straftat angehalten und wie Straftäter behandelt werden durften.

Und selbst die Frauen (Edit: zumindest die, die Clinton gewählt haben), werden ihn jetzt trotz des umweltfreundlichen und Fair-Tradigem Sweatshirts nicht so toll finden, weil sie ziemlich Angst haben, dass das Recht an ihrem eigenen Körper wieder genommen wird.

Am Ende freuen sich höchstens ein paar Dudes (und ein paar wenige Ladies, die gibt es ja leider immer), die nichts zu verlieren haben (bzw. sich einreden, dass so etwas wie die Folgen von Trumps Regierung auf die Umwelt nicht so schlimm sein werden), und sich deshalb wünschen, dass jetzt alle mal sehen können, wie schlimm es werden kann und wie sehr die große Revolution gebraucht wird, diese große Solidarität, die eigentlich immer damit endet, dass man den Lynchmob durch die Straßen schickt (ja, auch wenn’s von der Linken kommt, da täuscht auch das Che-Guevara-Shirt aus dem H&M nicht drüber weg).

Denn: “die Revolution frisst ihre eigenen Kinder.” Und wer sich wirklich vier Jahre wünscht, in denen Umwelt, Grundrechte und die wirtschaftliche Lage eines gesamten Landes ins Bodenlose rutschen, nur damit sich mal was Großes verändert, der hat nicht nur nichts zu verlieren, sondern der schert sich auch einen Dreck darum, was andere zu verlieren haben. Und wer dann auch noch denkt, dass das jetzt der Anstoß ist, um in Europa nicht denselben Fehler zu machen, der denkt wohl auch, dass man erstmal alle Wale ausrotten muss, damit das mit der Elefantenjagd aufhört.

Ich wollte übrigens nicht nochmal über dieses Thema schreiben, aber meine Güte.