Schnappschuss: die ängstlichen Weißen, die wütenden Schwarzen

Wut suggeriert Aggression, blinde Gewalt und Unzurechnungsfähigkeit. Genau die wird bei der Angst abgelegt, denn wer Angst hat, hat auch Grund, zurückzuschlagen, so denkt man zumindest, wenn man sich selbst Gedanken über Wehrlosigkeit, Furcht und Notwehr macht.

Gerade deshalb ist es fast schon wahnwitzig, wenn Politologe Prof. Christian Lammert (FU Berlin) im „Berliner Kurier“ erklärt, warum es diese „Spirale aus Angst und Gewalt“ im Rahmen des jüngsten Massenmords in Charleston gibt. „Weiße haben Angst um ihre Identität als Weiße, so wie die der Angreifer“, erklärt Lammert und gibt damit gleich einen Subtext mit, der gerne genau dann gesetzt wird, wenn Weiße unverhältnismäßig brutal gegen Schwarze vorgehen: aus Angst ist man zu allem fähig.

„Auf schwarzer Seite dagegen entlädt sich immer öfter die Wut“ schreibt der Kurier, zumindest nicht im direkten Lammert-Zitat, dennoch sträflich fehlformuliert. Die demonstrierenden Schwarzen, die gerade trauern und fassungslos sind, bekommen die aggressive, überschwängliche und unzurechnungsfähige Emotion zugeschrieben, obwohl doch gerade sie nicht mit einer Waffe in eine Kirche rennen, um dort Menschen zu töten.

Warum sind Schwarze in den Medien immer wütend? Warum sind weiße Polizisten, die schwarze Kinder erschießen ängstlich? Sollte es nicht umgekehrt sein? Ist es nicht eher so, dass diejenigen Grund zur Angst haben, die hilflos der Gewalt ausgeliefert sind, während diejenigen wütend/aggressiv sind, die nur all zu schnell mit Gewalt reagieren?

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„Obvious Child“ – Nichts ist lustiger als Abtreibung

Jenny Slate mag der ein oder andere als fast unerträgliche „Mona-Lisa Saperstein“ in Amy Poehlers Geniestreich „Parks and Rec“ kennen, vielleicht auch als Stand-up oder als eher kurzes SNL-Mitglied.

Es ist also nicht abwegig gecastet, wenn sie in der Indiekomödie „Obvious Child“ eine Comedienne spielt, deren Freund sich frisch von ihr getrennt hat und die kurz darauf schwanger wird und mit dem bösen Wort „ABTREIBUNG“ zu tun bekommt. Dass Abtreibung nicht grundsätzlich zum verheulten Fernsehfilm ausgewurschtelt werden muss, hat vor einigen Jahren bereits der durchschlagende Teen-Erfolg „Juno“ gezeigt, doch so ganz traute sich Drehbuchautorin Diablo Cody dann doch nicht, einen Teenager zu lange vor die doch sehr realistische Entscheidung zwischen Schwangerschaft und Abtreibung zu stellen. Zum Entsetzen der Pro-Choice-Community wurde die Protagonistin (reizend gespielt von Ellen Page) auch noch von einer Pro-Life-Demonstrantin zum Behalten des Babys überredet. Der schwangere Teenager, der sein Baby zur Adoption freigibt ist also in den Augen Amerikas akzeptabler als der Teenager, der abtreiben lässt. Wieder was gelernt.

Gillian Robespierre ist nicht so verängstigt vor der Rage der Pro-Lifers (man darf ruhig Angst haben, die christlich geprägten Wutdemonstranten neigen zur Übertreibung), hat aber vielleicht auch nicht den Anspruch einen familienfreundlichen Überraschungshit zu schaffen, weshalb für die sehr viel ältere Protagonistin Donna Stern (Slate) die Frage nach dem Behalten zwar nicht völlig vom Tisch fällt, aber etwas ausgewogener von Donna reflektiert wird.

Das Ganze als Komödie ist nicht zuletzt daher brillant, da Babys und vor allem (fiktive) tote Babyzellklumpen eines der Themen sind, die eigentlich so gut wie nie mit Augenzwinkern, Furzkissen und Gummihuhn abgefrühstückt werden. Dabei ist es doch ein Thema, mit dem sich die meisten Frauen mindestens einmal im Leben beschäftigen (und sei es beim gefürchteten Pregnancy-Scare aka der blöden Periode, die keine Termine einhalten kann bzw. dem einen Kondom, dessen Haltbarkeitsdatum doch gerade mal seit einem Monat abgelaufen war).

Donna macht dies auf die Art und Weise, die besonders als Mittzwanziger nachvollziehbar ist – egoistisch, kindisch und überraschend konsequent. Gen Ende des Films wartet noch ein grandioser Stand-up-Akt zum Thema auf den Zuschauer, der ausgedruckt vor Abtreibungskliniken verteilt werden sollte.

Zugegeben, die Zielgruppe von „Obvious Child“ sind die Art privilegierten weißen Slacker, die zwar nicht so ganz den Traumjob und –Partner haben, aber dennoch mittelständig genug sind, um sich die Frage nach der Finanzierung eines Kindes geschweige denn gesellschaftlichen Vorwürfen stellen zu müssen (aka Teenage-Schwangerschaft, stark religiöse Fragestellungen und/oder gesundheitliche Einschränkungen).

Aber eine Komödie zum Thema Abtreibung, in der Abtreibung nicht zu Depressionen, Naturkatastrophen und der Apokalypse führt, ist doch wundervoll, oder nicht? Dafür komm ich gerne in die Hölle!

Übrigens, titelgebend ist Paul Simons gleichnamiger Song:

Die kleinen und die großen Brüste

Verena Bogner plädiert für kleine Brüste in ihrem neuen „Vice“-Kommentar, das irgendwie nett, irgendwie frech, dann aber auch irgendwie unschön. So rollen große Brüste den Frauen angeblich ins Gesicht, wenn sie sich auf den Rücken legen und mal keinen Oma-BH tragen oder sie sind von unschönen Dehnungsstreifen gezeichnet (das erst nach der Geburt eins Babys, das Bogner eh nicht haben will, weshalb dieses Argument so und so nicht in die Argumentationslinie gehört). Das muss eigentlich nicht sein, denn die Modeindustrie weiß seit anno dazumal, dass kleine Brüste zu bevorzugen sind, so findet man als Frau mit großen Brüsten in bestimmten Läden eher selten Oberteile, die nicht für eine proportional angeblich passende Bauch- und Schulterbreite konzipiert wurden (als seien alle Frauen mit großem Busen Linebacker, wobei die die es sind sich unbedingt trauen sollten, schulterfrei zu tragen).

In der Filmindustrie sieht man – abgesehen im Porno und vielleicht bei „Mad Men“ – auch eher die elegante Mitte, die gerade so groß ist, dass sie weder hängt noch kein Dekolletè macht (dieses Modell ist übrigens in der eleganten Mitte eher selten, unter Schauspielerinnen bzw. deren Körperdoubles allerdings recht häufig).

Und die großen Brüste, die findet man in Pornos, bei der Bade- und Unterwäschemode und anscheinend auch gerne in den Männerfantasien derer, die einfach mal Frauen mit kleinen Brüsten blöd anlabern und ihnen sagen, dass sie ja ganz hübsch sind, aber einfach zu kleine Busen haben (vielleicht sollte Frau sich einfach mal die Eier des Manns zeigen lassen und ähnlich zu Gericht gehen).

So, am Ende haben viele Frauen viele verschiedene Arten von Brüsten, manche haben sogar zwei verschiedene Arten am Brustkorb, das sieht man ja noch seltener, die kleine und die große in einem BH, obwohl es das doch auch gibt und obwohl das auch irgendwie ganz niedlich ist. Und von den Brustwarzen wollen wir hier gar nicht erst anfangen, die sind ja sowieso absolut verpöhnt überall dort, wo nicht Porno drauf steht, es sei denn, der „Tatort“ oder ein anderer deutscher Film will mal wieder zeigen, wie unverkrampft er ist.

Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja, Verena Bogner hat schon recht, man soll sich seiner kleinen Brüste niemals schämen müssen, denn es gibt gar keinen Grund dazu (auch wenn manche Männer und vielleicht auch manche Frauen das irrigerweise annehmen). Aber genauso wenig sollte man sich für seine mittleren, großen und gigantischen Brüste schämen müssen, mit oder ohne Dehnungsstreifen (das ist halt so, wenn die Brüste natürlicherweise der Schwerkraft gehorchen müssen).

Man muss sich auch nicht schämen müssen, wenn die Brüste – ob klein oder groß – hängen und das nicht erst ab der Menopause, wie irrwitzigerweise schlecht recherchiert in diesem Artikel behauptet wurde (der auch noch als Plädoyer für unterschiedliche Brustformen in der Serie „Game of Thrones“ verfasst wurde, aber doch nicht so ganz ohne Recherche!).

Überhaupt, was für Brüste muss man denn haben, um sich schämen zu müssen? Selbst wenn man keine hat oder keine mehr hat, sollte man sich nicht schämen müssen. Na gut, eine Ausnahme: wenn die Brüste von einem wütenden Satanisten verflucht werden und daraufhin ein mordlustiges Eigenleben entwickeln und Leute umbringen, dann darf man sich ein bisschen schämen (und das ist anscheinend so unglaublich abwegig, dass es nicht einmal einen Horrorfilm dazu gibt, wo es doch sogar Horrorfilme über böse Bongs, Tomaten und Pfefferkuchenmännchen gibt!).

#distractinglysexy – Dank Tim Hunt werden Wissenschaftlerinnen sichtbar

Es ist ja geradezu surreal, wenn ein Wissenschaftler heutzutage auf einer internationalen Konferenz darüber lamentiert, was „Mädchen“ im Labor so können: die Männer ablenken und weinen. Wenn dann auch noch getrennte Labore vorgeschlagen werden, damit sich niemand ineinander verliebt und sich dadurch von der Arbeit ablenkt, schielt man schon nach der versteckten Kamera (obwohl das deutsche Remake ja eher durch Gewaltandrohung und frauenfeindliche Witze gerade diese Aktion nicht als Witz verstehen würde).

Doch der Brite Tim Hunt meinte es ernst, obwohl doch seine Frau ebenfalls eine angesehene Wissenschaftlerin ist (vielleicht arbeitet sie aber auch ausschließlich mit Frauen in einem Labor, das von Tempo gesponsert wird).

Mittlerweile wurde der ganze Medien-Zyklus abgedeckt, nach dem Aufschrei kam die Niederlegung seines Amtes am University College London und mittlerweile gibt es schon den Guardian-Beitrag, in dem Hunt sich über die Medien- und Shitstorm-Schelte beklagt. Doch die Stimme des Mannes – dem man bei aller Dummheit keine Drohungen und Wellen des Hasses wünscht, immerhin ist seine Queen dafür bekannt, dass sie mit einem Rassisten und Frauenfeind verheiratet ist – sei für diesen Beitrag einmal nicht relevant, denn diese Story ist deprimierend und es ist Juni, das Wetter ist schön, der Himmel meistens blau und die Laune sollte doch gut bleiben.

Nein, der wohl schönste Nebeneffekt dieser Aktion ist der daraus resultierende Hashtag #distractinglysexy. Nicht nur, weil er keck und sehr charmant die Äußerungen Hunts, weibliche Wissenschaftler würden nur ablenken und weinen, ad absurdum führt, sondern auch, weil wir plötzlich zahlreiche Fotos von Wissenschaftlerinnen im Netz finden. Echte Wissenschaftlerinnen, so richtig beim wissenschaftlern!

Man weiß ja leider von den Glasdecken und den vielen weiblichen Aussteigern, den Hürden und dem Sexismus. Doch das sind alles tränengetünchte Wutthemen, bei denen mir und vielleicht auch Euch eher der Kragen platz, der Hals ganz dick wird oder der Nagellack vor lauter Fäusteballen ganz zerschmiert.

Für eine Umwandlung der Gesellschaft braucht es jedoch neben der Entrüstung auch positive Vorbilder, der Blick auf die weibliche Minderheit im naturwissenschaftlichen Bereich etwa, die Wissenschaftlerinnen beim Ausgraben, im Labor und beim Auswerten vieler – mal mehr mal weniger wichtiger – Daten. #distractinglysexy ist nicht deshalb ein Wunderwerk der feministischen Freude, weil es sich gegen Vorurteile richtet, sondern weil es die Alternative und die Realität zu eben diesen Vorurteilen sichtbar macht.

Sichtbarkeit ist im Grunde eines der besten Mittel, um Vorurteile abzubauen. Je mehr Frauen ich in Führungspositionen sehe, desto alberner erscheint es mir, dass sie Exoten im Chefsessel sein sollten. Je mehr Männer ich sehe, die zuhause bei den Kindern bleiben, während die Frau arbeitet, desto verrückter erscheint es mir, dass doch der Mann der Ernährer sein sollte. Je mehr glückliche Paare – in welchen Gender- und Beziehungs-Variationen auch immer – ich mit ihren Kindern im Park sehe, desto surrealer erscheint es mir, dass es nur ein akzeptables Familienbild gibt.

Natürlich ist Sichtbarkeit allein kein Allheilmittel, um alle Vorurteile und Hürden abzubauen. Doch ist es nicht schön, wenn es ab und an auch mal von Grund auf fröhliche Memes gibt, die glücklich machen, obwohl man doch gerade bei diesen Themen so oft frustriert ist? Na also.

Für Ronja reiten alle in die Scheiße

Ob Süddeutsche, FAZ oder Tagesspiegel, die Presse liebt ihren Shitstorm. Im Fall Ronja von Rönne etwa, die kürzlich – etwas verspätet – auf ihren Artikel „Als Frau ekelt der Feminismus mich an“ in dem sozialen Netzwerk Twitter für Furore sorgte, nachdem Tagesschau-Redakteurin und Vollzeitfeministin Anna-Mareike Krause schnippisch bemerkte, dass auch der Ring Nationaler Frauen großer Rönne-Fan ist.

Es folgte ein Shitstorm, der – kennt man die Varianten, die nicht nur Anti-Feministinnen sondern auch und vor allem Feministinnen entgegenpusten – verhältnismäßig verhalten war. Bis dann doch jemand, der sich für reichlich witzig hielt, einen Text eines französischen Revoluzzer-Liedes postete, „Die Adeligen an die Laterne“. Schön ist das nicht (und keine Feministin hat bislang diesen Tweet gutgeheißen), der Tweet kam jedoch nicht von Krause, sondern vom “Antifa-Professor”, dessen Namen wir hier mal nicht nennen wollen, da es ihm sicher unangenehm wäre, als kopfloser Idiot bezeichnet zu werden. 

Den Medien reichte dies dennoch aus, um den Shitstorm einzuläuten – gegen Anna-Mareike Krause. Die „selbsternannte Netzpolizei“ (Die Süddeutsche) habe eine „virtuelle Menschenjagd“ (Meedia) veranstaltet, sie „spöttelt“ (Der Tagesspiegel) über Rönne. Die – so gleich mehrere (männliche) Autoren in ihren erbosten Artikeln – sei doch so ein perfektes Feindbild für Feminist/innen, da sie ja ein „hübsches Ex-Model“ (Tagesspiegel) sei und das „eher nicht für Dove“ (Süddeutsche). „Hass-Kolone“ (Tagesspiegel) und „Dampfwalze“ (Süddeutsche) werden die Shitstormer gegen Rönne genannt. Krause würde zudem  „diese, den eigentlichen Sachverhalt grob entstellende Aussage“ machen, indem sie Rönne direkt „in den Kontext des Rechtsradikalismus gestellt und im Internet öffentlich“ vorführt (FAZ). Das sehen eigentlich alle Krause-Kritiker so, wenn man hier mal grob zusammenfassen darf.

Und die Shitstormer gegen die – bis auf den Pöbel-Tweet – großteils angebrachte Kritik der Feminist/innen? Die werden kaum im Nebensatz erwähnt, natürlich, denn die schreiben ja die Artikel, in denen vom Shitstorm geredet wird. So reiten sie sämtlich in die Scheiße für Ronja, der alle geneigten Autoren gut zusprechen und sogar bewundernd darüber raunen, wie gelassen sie mit der Sache umgeht.

Doch wenn man Krauses Tweet und ihre Folgetweets so gnädig interpretieren würde, wie es beispielsweise Feuilleton-Chef der Welt, Andreas Rosenfelder, von den Kritikern Rönnes zu deren Texten verlangt (so seien viele Feministinnen, die kritisiert hätten, jene, „die sich mit dem Lesen keine große Mühe machten“), so hätte man sicher gesehen, dass es Krause nicht darum ging, Rönne Rechtsradikalismus vorzuwerfen, sondern lediglich eine Reflektion, ein Nachdenken zu motivieren, über die Konsequenzen einer Polemik ohne fachliche Grundlagen oder Argumentationsstärke. Denn Rönnes Reaktionen auf ihre Artikel sind zwar fast versöhnlich, aber – und da gibt uns selbst Rosenfelder Recht: „Das heißt übrigens keineswegs, dass alles gar nicht so gemeint ist.“ Wenn es eben so gemeint ist – der eklige Feminismus, die beneidenswerten Depressiven, die dreisten Homosexuellen, die gleich auf Shitstorm machen, wenn mal im Ratgeber gesagt wird, Blumenmädchen für eine schwule Hochzeit sei dann doch zuviel von einem Kind verlangt – dann darf man doch auch sagen, „Hey, das sehen andere auch so, aber das sind vielleicht politische Gruppierungen, mit denen Du eigentlich nicht in einen Topf geworfen werden willst, oder?”

Lesenswert zu diesem Thema:

Svenja Gräfen: http://svenjagraefen.de/alle-aufregung-ist-gross-aber-welche-ist-am-groessten/

Feminismus im Pott: http://feminismus-im-pott.de/willkommen-im-kreis-der-shitstormrisikogruppe/

Uni-Affären: Der Troll unter der Diskursbrücke

Für meinen ersten Blogbeitrag hatte ich mir eigentlich etwas locker-Witziges gewünscht, eine leichte Angriffsfläche, ein gekonntes süffisantes Kommentieren einer üblich unsensiblen Bierwerbung oder eines unbedarften Kommentars mit Clickbait-Headline einer jungen Anti-Feministin.

Und jetzt das: Professoren-Watch. (more…)