US Wahl 2016: meine Wut, meine Fehler, meine Motivation für die Zukunft

Crossings @ SlackwidowAch Mensch. Es hat seine Gründe, dass ich zu spät darüber schreibe und mittlerweile die wohl millionste Person bin, die nichts zur Debatte beiträgt, aber hey, wozu sind Blogs sonst da?

Hätte ich gestern – pünktlich zum Wahlergebnis – versucht, etwas zu schreiben, wäre es sehr schwierig gewesen, denn wie sortiert man einen gutturalen, animalistischen Laut der Verzweiflung und Wut in Buchstaben um? Selbst das Poop-Emoji hätte nicht ganz gepasst, immerhin grinst es und verzerrt seinen Poop-Mund nicht in einen Munch-Schrei der ewigen Qual.

Ich würde mich jetzt gerne den zahlreichen (auch deutschen) Kommentatoren anschließen, die mehr oder weniger schulterzuckend gesagt und geschrieben haben “naja, Hillary wäre auch nicht besser gewesen.” Leider gehöre ich zu den Leuten, die eine leicht problematische, aber hochqualifizierte Frau mit Charisma-Problemen nicht wirklich mit einem unqualifizierten Populisten mit rassistischen und sexistischen Ressentiments gleichsetzt. Bevor jetzt jemand kommentieren möchte, wie viel schlimmer sie doch ist: ich akzeptiere nur Kommentare mit journalistischen Standards (Quellen, Nachweise und einer direkten Gegenüberstellung mit Trump).

Da mag ich altmodisch sein, aber für mich sollte der/die PräsidentIn der Vereinigten Staaten ein Modicum an Erfahrung in der Politik haben und nicht unbedingt die eigenen Wähler zum Lynchen von Gegnern aufrufen.

Gerade deshalb war ich gestern von 7:00 bis 00:00 wütend auf alle und jeden, die nicht für Hillary gewählt haben. Ich weiß, ich weiß, man sollte nicht denjenigen die Schuld geben, die eine Gewissensstimme für einen Drittkandidaten abgegeben haben, immerhin wäre das auch egal (ist es nicht), aber wenn man in einem kaputten Wahlsystem wie dem der USA lebt, jedoch nach einem idealistischen Traumsystem wählt und hofft, dass schon alles gut geht, dann verdient man doch zumindest ein wenig Side-eye, oder?

Höchstens bei den Nichtwählern war ich gestern gerade wütend genug, um nur diejenigen zu verfluchen, die nicht gerade erhebliche Nachteile durch fehlende Arbeitsstunden auf dem Lohnzettel oder schlechte Verkehrsanbindungen der wenigen Wahllokale zu beklagen hatten. Denn auch das: das Wahlsystem der USA ist grotesk, aber so ist es halt jetzt.

Und ich bin auch wütend auf die Medien, denn man kann mir sagen so oft wie man will, dass die Berichterstattung allein auch nichts geändert hätte oder dass die Medien einfach mehr auf die Probleme von Trumps Wählern hätten eingehen müssen, ich bin überzeugt, dass es bereits geholfen hätte, wenn man nicht jeden Wortfetzen, jede banale Pressekonferenz und jeden Laut, den Trump von sich gegeben hat, zu senden, zu drucken und abzutippen (und zwar oftmals kommentar- und kritiklos). Wir alle wissen doch, dass dieser eine beschissene Sommerhit jedes Jahr ab August so oft durch unsere Gehörgänge geflogen ist, dass wir im September leise mitsummen, wenn er im Radio läuft, warum also müssen wir 24/7 lesen, was Trump sagt, obwohl er so gut wie immer nichts zu sagen hat und warum lesen wir proportional selten, was Hillary, Bernie und wer sonst noch mutig genug war, diesen Kram mitzumachen, zu sagen hat?

Ich meine, als es in Europa zu Terroranschlägen kam, brachte die Tagesschau Zitate vom amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten und von Trump. WTF?

Das haben die Medien uns eingebrockt, aber anstatt von Psy zu lernen, haben sie es dieses Jahr wiederholt. Fools!

Und ich mache mir große Sorgen, weil es ähnlich läuft, wenn Petry, von Storch und die anderen Populisten ihre Kommentare abgeben. Was kümmert es mich, was Gauland auf Facebook schreibt. Wenn es gegen die Gesetze verstößt, sollten die Leute es an die Polizei weitergeben. Solange es nichts Wertvolles zu einer politischen Debatte beiträgt (und mal ehrlich, Facebook-Posts tun das selten), muss es nicht in den Medien kopiert, zitiert und als Aufmacher aufbereitet werden. Es ist nichts weiter als Boulevardpresse, die jedoch im Politteil unterkommt und so maßgeblich die Perzeption beeinflusst.

Als ob es uns interessieren würde, ob Sarah Wagenknecht die neuen Gesichter auf der Kinderschokolade mag oder nicht.

Diese Skandal-Hysterie ist gefährlich in einem Wahlkampf und zwar, weil auch ich darauf reingefallen bin, weil auch ich mich über Trump lustig gemacht und aufgeregt habe und dabei vergessen habe, den Fokus auf Hillary Clinton zu lenken, zu berichten und zu posten, warum sie eine gute Kandidatin ist/war (Und das glaube ich. Keine perfekte Kandidatin, aber mal ehrlich, Obama hat trotz Charisma auch ganz schön viel verbockt und angerichtet, da hätte sie kaum noch einen drauf setzen können).

Stattdessen sind die meisten von uns – egal ob Presse, Linke, Demokraten oder Promis – direkt in die von Arroganz geprägte Irrung reingefallen, unsere Verachtung und Herablassung wäre der entscheidende Hebel zum Sieg und haben Trump, Trump und immer wieder Trump zitiert und ausgelacht, anstelle Hillary zu feiern und zu unterstützen. Kein Wunder, dass die meisten dachten, sie wäre eine Notlösung anstelle einer echten probaten Wahloption, die auf Kompetenz und einer Vision basiert.

Ich kann es natürlich nicht belegen (ebenso wie die dämlichen Bernie Bros belegen können, dass er bessere Chancen in der Wahl gehabt hätte, btw), aber ich werde es 2017 in Deutschland anders probieren. Ja, jetzt kommt der motivierende Teil, der jedem dieser blöden Blogbeiträge über diese blöde Wahl innewohnt. Gerne auch begleitet mit motivierender Musik:

Ich werde mich darüber informieren, wie meine Stimme wirklich etwas bewirken kann, unabhängig davon, ob sie meinem Ego gut tut oder nicht. Und dann werde ich darüber berichten und erklären, warum ich es tue. Ich werde den klassischen Wahlkampf mitmachen. Ich werde die guten Sachen fördern und die schlechten ignorieren, damit es nicht wieder zu einem Informationsungleichgewicht kommt, aber auch, damit sich niemand in der Afd einreden kann, dass sie eine kleine, unbedeutende Minderheit sind, die nicht ernst genommen werden, von denen “da oben” und nur verfolgt werden in den Medien für das, was man doch mal sagen darf. Wenn ich kritisiere, dann konstruktiv und nicht arrogant herablassend, um aufzuklären, anstatt auflaufen zu lassen (und ja, ich werde oft genug an diesem Vorhaben scheitern).

Das heißt aber, dass ich meine Überheblichkeit fein säuberlich in das kleine, schwarze Loch stecke, das die Wahl gestern in mir hinterlassen hat und mit einem vorerst sicherlich sehr geschauspielerten Optimismus verspachteln werde, um zumindest für die Wahl hier in Deutschland eine andere Rolle zu spielen als viele in Amerika gespielt haben: der anscheinend doch überwältigenden Minderheit, die gegen Gleichberechtigung stimmt, um ihre eigenen Privilegien zu schützen, einen Grund zu geben, noch aggressiver und verschwörerischer daran zu glauben, dass sie eine Alternative für irgendetwas wären (Spoiler Alert: sie sind es nicht).

DAS hier ist die einzige Alternative, die wir haben (immer):

Der kleine Sexismus: Schwamm drüber

Im Freitag gibt es aktuell ein sehr sympathisches Interview mit Olli Schulz, der Mann, der dafür sorgt, dass viele meiner Freunde und Bekannte den Jan Böhmermann sympathischer finden als er eigentlich ist, da er durch seine sanfte, entspannte Art den angestrengten Arroganzugträger aufwertet.

Und während ich dieses Interview so lese und mir denke, “man, das ist so gut und gut durchdacht”, fällt mir dann so ein Beispiel vor die Füße und das macht die Schuhe dreckig, nicht viel, aber gerade so, dass man sich ärgert, weil wer putzt schon gerne seine Schuhe, aber wenn man es nicht macht, bleibt der Fleck da halt drauf und man denkt immer daran, dass man sie ja putzen müsste, wannimmer man nach unten schaut an der roten Ampel oder im Fahrstuhl.

Da erzählt der Olli also, dass er ein wunderschönes Beispiel des gelebten Altruismus erlebt hat. Ein junges Mädchen, das immer seinen Opa (der im Rollstuhl saß und im Altersheim lebte) durch die Straßen fuhr und später dann auch andere alte Leute aus dem Heim, da sie nach dem Tod des Opas so sehr an diese anderen, einsamen alten Leute im Heim denken musste. Das findet Olli wunderbar, dass jemand, obwohl es so viele andere Dinge gibt, die der Jugend halt so offen stehen, trotzdem so sehr an die anderen denkt, dass diese vielen Dinge vorerst warten müssen.

Das ist alles gut und berührend und vielleicht auch motivierend, dünkte man so vor sich hin, wenn nicht dieses eine Detail wäre: dieses Mädchen ist bildhübsch.

Die ist bildschön und könnte sich in dieser Instagram- und Tinderaccount-Welt versenken, aber sie trifft die Entscheidung: „Ich will nicht im Prenzlauer Berg am Latte Macchiato-Strich sitze (sic)“. Das hat mich wirklich gerührt und ich dachte: „Was für ein toller Mensch.“(Olli Schulz, Freitag, “Ich will die Leute einlullen”, 17.10.2016)

Und das les ich und denke so, boah, man ey, Olli, was soll das denn. Natürlich weiß ich, wie er es meint, wie viele Frauen wissen, wie er es meint. Aber es klingt trotzdem so, als wenn er diesen Gedanken nicht gehabt hätte, wenn ein bildhässliches Mädchen die Rollstühle und Menschen geschoben hätte, weil der halt nicht die Instagram-Welt offen steht. So als wäre der Altruismus halt ganz natürlich bei den hässlichen Menschen, die haben ja sonst nix, aber die schönen Menschen dürfen/müssen/sollen dafür auch noch bewundert werden.

Und dann denke ich mir, Mensch Jule, das sind doch diese feministischen Diskussionen, wegen denen Du so oft dieses Augenrollen zu sehen kriegst, dieser popelige Gniedelkram, der am Ende des Tages auch wurscht ist, immerhin ist Olli keiner dieser anderen Typen, die Frauen vorschreiben wollen, was sie tragen, während sie Rollstühle schieben. Ganz im Gegenteil, der ist wahrscheinlich so richtig super und Du wurstelst ihm hier Sexismus an die Backe.

Und das sind dann diese komischen Momente, wo man den Schwamm zum drüber’n rausholt, weil man sich halt nicht an so fuzzeligem Kleinkram abarbeiten möchte. Genau das ist das nämlich: abarbeiten und zwar mit einem winzigen Spielzeughämmerchen an einer gigantischen Bergplatte.

Es ist eine Sache, wenn ich auf Facebook mal wieder darüber diskutiere, ob Feminismus nun männerfeindlich ist oder nicht (kurze Antwort: nein). Aber sich über diese kleinen, fast schon niedlichen Sexismen der Alltagssprache und -erlebnisse aufzuregen, das legt man irgendwann so ab, wie man auch die Emo-Pins aus dem ersten Semester von der Jacke ablegt. Und nein, man gewöhnt sich nicht daran und übersieht es, es fällt einem immer und immer wieder auf, aber es fällt halt nicht mehr ins Gewicht. Dann hält man halt kurz inne, denkt sich so, “Boah, Olli, was soll das denn” und dann macht man halt weiter mit seinem Kram, schaut geradeaus, nicht auf die Schuhe.

Appropriation: und wir verstehen es einfach nicht

Im deutschen Feuilleton kommt endlich das Thema der “Cultural Appropriation” (Kulturelle Aneignung) an, sprich, der Aneignung fremder Kulturen für meist oberflächliche oder kommerzielle Zwecke. Appropriation ist beispielsweise eine Katy Perry, die sich im Kimono und anderen japanischen Symbolen für ihr Musikvideo schmückt – ganz ohne Kontext also Teile einer komplexen Kultur nimmt und als Accessoires benutzt.

Appropriation ist allerdings auch so ein Hollywood, das beispielsweise einen Film über den persischen Lyriker Rumi drehen will und dafür den ganz und gar nicht persischen Leonardo DiCaprio castet.

Cultural Appropriation ist Nichts Neues. In der Tat ist es so gebräuchlich im privilegierten weißen Kulturkreis, dass es eben diesen sehr wütend macht, wenn andere es nicht mehr hinnehmen wollen. Und wenn die privilegierte Mehrheit für etwas kritisiert wird, was Minderheiten abwertet, ausnutzt oder marginalisiert, dann gibt es für die Mehrheit einen netten Begriff anstelle eines Einsehens: Zensur.

Martin Ebel wundert sich im Tagesanzeiger. Nachdem Lionel Shriver kürzlich auf einem australischen Literaturfestival mit Sombrero auf die Bühne und dafür eintrat, dass doch bitte alle weißen Autoren über alles schreiben dürfen, ohne jemals dafür kritisiert zu werden, ebenso wie weiße College-Fratboys doch bitte mexikanische Saufpartys mit Sombreros feiern sollen können, ohne sich gegenüber den lateinamerikanischen Kommilitonen erklären zu müssen, findet sich der Literaturbetrieb im Konflikt.

Zum einen möchte die intellektuelle Elite natürlich aufgeklärt und weltoffen erscheinen. Zum anderen zeigt sie aber immer wieder, dass die Vorurteile, der Sexismus und auch der Rassismus gerade in ihr sehr viel perfider, sprich, versteckter in den Ritzen klebt.

So argumentiert Shriver, dass es die Aufgabe einer Autorin sei, sich in andere Menschen (-leben) hineinzuversetzen. Es sei sowieso alles “fake” in der Fiktion, daher sei es das gute Recht jeder Autorin, sich ein beliebiges Sujet herauszusuchen. Alles andere würde exkludieren, einschränken und die Welt am Ende kleiner machen.

Das mag stimmen. Ebenso, wie es stimmt, wenn Ebel schreibt, “sich in ein nigerianisches Mädchen hineinzuversetzen, ist für einen weißen Schriftsteller eine Herausforderung. Für den (weißen) Leser eine Transferleistung. Beides hat eher mit Empathie zu tun als mit Diebstahl.” Das stimmt allerdings nur dann, wenn man den Kontext einer Welt vollkommen ignoriert, in der ein nigerianisches Mädchen sowieso eine derart kleine und unbedeutende Stimme hat, dass erst die weiße Autorin kommen muss, um ihre Geschichte – und damit auch ihre Stimme – zu nehmen.

Die Kritik der Cultural Appropriation – wie eigentlich alles, was von der ignoranten Elite gerne als “Political Correctness” beschrieben wird – will keine Zensur, sondern eine Reflexion. Es ist keine Empathieleistung, wenn hunderttausende Deutsche ihre Karl May-Bücher gelesen haben und davon ausgegangen sind, dass amerikanische Ureinwohner zum einen immer auf die Hilfe des tollen weißen Lederjackenträgers angewiesen sind und zum anderen nicht mehr in ihrer kulturellen Identität vorweisen können als Federschmuck, Friedenspfeifen und Rauchzeichen. Die Appropriation anderer Kulturen ist nämlich in vielen Fällen auch das: ein Herunterbrechen auf Klischees, ein Ignorieren echter Lebenswirklichkeiten aufgrund von Ignoranz, ein “White Gaze” auf das Exotische, Andere, aus dem entweder der noble Wilde oder aber der barbarische Wilde herauskommt.

Eine Kritik und Diskussion um die Tatsache, dass weiße AutorInnen heutzutage immer noch mehr Chancen haben, ihre Geschichten zu erzählen und zwar nicht nur ihre, sondern auch die anderer Kulturen, ist notwendig und sollte nicht ad hoc mit Entrüstung und verletzter Eitelkeit begegnet werden. Aber genau das passiert immer wieder, wenn es darum geht, dass Blackface verletzend ist, dass Leonardo DiCaprio als persischer Lyriker unglaubwürdig ist und dass lauter weiße Männer in Talkshows über das angebliche Burka-Problem reden.

Wie man beispielsweise über andere Kulturen schreibt, ohne ihnen die Kultur zu nehmen, kann man aktuell in der Graphic Novel “Madgermanes” von Birgit Weyhe sehen. Um die Geschichten der Mosambikaner zu erzählen, die damals in der DDR zu tausenden eingeflogen wurden, um als billige Arbeitskräfte zu dienen, hat sie Interviews mit Betroffenen geführt und sie direkt zu Wort kommen lassen. Wir erleben ihre Geschichten nicht durch den verklärten Blick einer weißen Autorin, denn Weyhe nimmt sich zurück und dokumentiert nur das, was ihr die Protagonisten ihres Buches erzählt haben.

Wenn wir wirklich Interesse an anderen Kulturen haben, dann sollten wir auch an den Erzählern anderer Kulturen Interesse haben. Wenn wir über andere Kulturen schreiben wollen, oder sie anderweitig interpretieren wollen, dann sollten wir das auch mit einem historischen Kontext tun und mit dem Wissen, dass wir wenig wissen über die Lebenswelten von Menschen, die in unserer Kultur tagtäglich mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Was weiß ich denn schon vom Alltag einer schwarzen Frau in Deutschland?

Wenn ich darüber schreiben will, sollte ich mich wirklich an Shrivers eingeschränktem Literaturverständnis halten und alles als “fake” betrachten, als Hut, den ich aufsetze und der mich sofort zur schwarzen Frau in Deutschland macht, weil meine Fantasie unbegrenzt ist? Oder sollte ich vielleicht doch anerkennen, dass ich in meiner unendlichen Weisheit nichts weiß, wenn es um die komplexen Lebensumstände von Menschen geht, die zwar den Alltag in Deutschland erleben, so wie ich, aber aus einer völlig anderen Lebenswelt heraus?

Und wie ich bereits erwähnt habe, gibt es ja Mittel und Wege, über andere Kulturen zu schreiben, sogar Protagonisten aus anderen Kulturen in seinen Geschichten zum Leben zu erwecken. Doch die Grenzen zwischen der empathischen Reflexion anderer Lebenswelten und einem reinen kulturellen Imperialismus sind dünn. Ein wenig Nachdenken über den Sinn und Unsinn sowie der Relevanz dieser fremdbestimmten Perspektive sollte doch gerade den SchriftstellerInnen nicht so schwerfallen.

Fargo: Musiker oder Lifecoach?

Motor Entertainment, ehemals Radiosender, mittlerweile Musikverlag und Motor TV und Motor.de, hat einen neuen Künstler am Start, den anscheinend selbst Motor nicht so super findet, steht doch in der Beschreibung seiner neusten Single “Fargo erfindet den Pop-Rap nicht neu”, was ja irgendwie sofort am Anfang eine Entschuldigung ist für das, was da kommt, ein absoluter Kardinalsfehler, wenn es um Marketing geht.

“Einfach sein”, heißt die neue Single sowie das äußerst einfache, sprich banale, Musikvideo und darin geht es darum, dass wir zu viel kaufen, verbrauchen, zu viele soziale Medien nutzen usw. blablabla.

Drei Outfits für ein Video von nicht mal 3 Minuten müssen es dann aber doch sein, coole Mackerposen, Designerkleidung an den Kiddies, die auch im Video mitmachen, damit sich die werte ZuschauerIn an die ach so einfache Kindheit (in Designerklamotten) erinnern kann. War alles so viel einfacher als Kind? Ich nennen das ja immer verklärt, wenn mir so etwas unterkommt, nichts gegen meine Kindheit, aber Zwiebelsaft, 3 Tonnen schwere Schulranzen und Bettruhe um 18Uhr waren jetzt auch nicht so geil.

“Wir haben das einfach sein einfach verlernt”, plärrt Fargo und ich frage mich, was er eigentlich damit meint. “Wir brauchten nur einen Schuhkarton und einen Bauklotz” heißt es da, wobei Fargo aussieht, als ob er bereits dick mit Hasbro, Lego und Co aufgewachsen ist, aber vielleicht irre ich mich auch und er ist doch in der Nachkriegsgeneration aufgewachsen und hat sich über einen Kanten Brot und dünne Milch gefreut, wer weiß das schon, die plastische Chirurgie kann mittlerweile Wunder leisten.

Auf Motor.de sieht sich Fargo – immer wieder in neuen Outfits, wo kommen die denn her? – als Evangelist eines neuen Simplizismus. Das ist gerade ziemlich hip, immer mehr junge, reiche Leute ziehen aus in die Welt, nur mit MacAir und Rucksack ausgestattet, oder schaffen sich Wohnungen an, in denen nichts drin ist, weil dadurch angeblich auch Geist und Gesundheit ihren Platz besser finden sollen. Sich von allen Dingen befreien, nur Du und die Kreditkarte – was für 1 Leben.

Das Alles ist ja schön und gut, aber irgendwie so sympathisch wie diverse andere Lifestyle-Trends des gehobenen Mittelstands, die sich eigentlich nur die Leute ausdenken, deren hochbezahlter Beratungsjob irgendwann zu viel wurde und die sich nun auf ihren Millionenbeträgen ausruhen und nebenbei ein Publikationsimperium mit irgendeinem neuen Way of Life aufbauen. Oder halt Leute, die mit nicht neu erfundenem Pop-Rap ein Album verkaufen müssen.

Fargo, beispielsweise, ist Falk-Arne Goßler (nun ratet Drei Mal, wie der Name zustande kam) und ist sicher privat ein ganz netter Typ, aber verkauft sich hier nun mal als Guru der Einfachheit (Einfaltigkeit?) und ist dann auch noch ca. 4-5 Jahre jünger als ich. Ich will hier jetzt gar nicht diese Altersüberheblichkeit an den Tag legen und sagen, dass Mittzwanziger mir nichts über das Leben beibringen können, aber ich kann mit relativer Sicherheit sagen, dass dieser Mittzwanziger mir nichts über das Leben beibringen kann (ich hab zum Beispiel nie mit einem Baustein und einem Karton gespielt und kann diese Nostalgie daher nicht nachvollziehen).

Goßler war außerdem mal Teil der Band The Love Bülow, die so Albumtitel hatten wie “Menschen sind wie Lieder” und als alte Metapher- und Analogietante läuft es mir da kalt den Rücken runter, weil wenn das so wäre, wäre Fargo dann sein eigenes Lied und wäre das wirklich eine Welt, in der wir leben wollen?

Die Sache ist die: Für die Elektrodudeler Captain Capa schreibt Lead Sänger “Ashi” auch schon mal über sein Tourleben auf Noisey. Das ist weit entfernt von meiner Lebenswelt (das Stärkste, was ich trinke ist Kaffeefruchtlimo und ich war seit mehr als einem Jahr nicht mehr tanzen), aber es ist ein schöner Einblick, durchaus humorvoll und schick geschrieben. Es ist das, was man von so einem Musikerblog erwartet, ein Blick aufs Musikerleben und für Fans intimste Geheimnisse der feschen Jungs.

Goßler verkauft hier jedoch etwas ganz anderes und zwar eine Lifestyle-Marke a la YouTube-Star. Ich bin mir sehr bewusst, dass ich nicht das Zielpublikum solcher “Lebensweisheiten” bin, aber es ärgert mich dennoch, dass mindestens einmal im Sommer irgendein Typ (dann auch noch immer Typen!) daherkommt und mir in einem nicht so guten Lied erzählen will, wie schlimm doch die Medien sind, der Konsum und dass ich gar keine Ahnung hätte, wie man LEBEN soll (das Ganze wird übrigens noch schlimmer, wenn es dazu Dreadlocks und Reggae-Beats gibt, hust, MellowMark, hust, hust).

Das ist dann so, als hätte irgendjemand diese schrecklichen Motivationsreden von Typen im Anzug und mit teuren Sneakern mit nem Beat unterlegt, Seminare nur 600€, das Buch für 30€ gibt es am Ausgang.

Ich weiß, dass Betroffenheitsmusik auch ihre Berechtigung hat (auch wenn sie meistens eher schrecklich ist), aber ich höre Musik nicht (und betrachte Kunst generell nicht) als Lifestyle-Coach, sondern vielmehr als Reflektion der Welt durch jemand anderes Augen, Ohren, Texte, etc.

Der immer schon Käsehit “Do they know it’s Christmas” ist selbst an weinerlichen Tagen nicht halb so eindrucksvoll wie Peter Gabriels Call-to-Action-freier Apartheitssong “Biko” und ist sicher auch nicht aus einer halb so ehrlichen Empathie heraus entstanden.

Ich möchte nicht, dass jedes Buch und jeder Song mit einer He-Man-artigen Moral endet, warum es schlecht ist, Müll in den See zu werfen (das hat Fargo übrigens auch irgendwo erwähnt und mit Sicherheit von He-Man geklaut). Und ich fühle mich etwas eklig, wenn jemand mir sein selbstverliebtes Geschwurbel als Lebensweisheit zusammen mit seinem Album verkaufen will. Das ist ungefähr so authentisch, wie der Jutebeutel aus Nylon, den ich gerade aus Trotz in den See geworfen habe. Rant over.

Ein besserer Zeitvertreib als das neue Fargo-Album.

Sich auch mal in den Männerclub einladen

In der Morgenpost gibt es einen gut gemeinten Artikel, der Frauen Tipps gibt, wie sie den “Männerclub” durchbrechen. Da muss ich jetzt gar nicht so ausschweifend drauf eingehen, aber ganz kurz dann doch:

“Das gemeinsame Bier unter Kollegen nach der Arbeit mag unwichtig erscheinen. ‘Aber für die Karriere und das eigene Vorankommen sind solche Treffen sehr wichtig’, erklärt Böhnke” (Christian, Personalberater für Frauen).

Da muss ich doch keine Feministin sein, um das sowieso blöd zu finden, dass ich selbst nach Feierabend gezwungen bin, mit den Dödeln aus dem Büro eins, zwei Zwangsbier zu trinken (wer alkoholfrei bleibt, wird standesgemäß belächelt, weil es so unsexy ist, nicht zu lallen oder zum Klo zu stolpern), nur um irgendwie im Beruf weiterzukommen. So etwas nennt man im Volksmund auch “Klüngeln” und das ist nicht nur unprofessionell sondern auch total kontraproduktiv, denn wer sagt denn bitteschön, dass die besten Mitarbeiter die sind, die sich abends gerne betrinken?

“‘Proaktiv sein’, rät Böhnke: Im Notfall sollten sich Frauen einfach selbst auf die Gästeliste setzen, wenn sich die Kollegen für den Abend verabreden.”

Ich will hier nicht sagen, dass ich mich noch nie mit Kollegen abends getroffen habe, aber das auch nur mit ausgewählten Kollegen und auch nicht regelmäßig, denn liebe MoPo, ich habe doch auch mal Feierabend und da möchte ich nicht bierselig über Aufstiegschancen reden, denn dazu gibt es Mitarbeitergespräche und Gehaltsverhandlungen, sondern ich möchte meinen Hobbies nachgehen, meine Freunde treffen, Zeit mit meinem Partner verbringen oder einfach nur völlig nutzlos auf der Couch sitzen und Let’s Plays schauen.

Es ist eine ekelhafte, anachronistische Annahme, dass Zigaretten-, Mittags- und Bierpausen dazu da sind, das Vitamin B zu stärken und sich so nach oben zu saufen, zu essen und zu rauchen. Was für eine lahme Geschäftsführung ist denn so dilettantisch im Talent Management, dass sie nicht auf Arbeitsergebnisse, Teamwork und Zuverlässigkeit schaut? Und nein, “Teamwork” umfasst nicht, dass man sich zwangsweise in Bierrunden einklinken muss, weil man sonst niemals zur Abteilungsleiterin befördert wird.

“Allein aus betriebswirtschaftlichen Gründen sollten Unternehmen ein Interesse daran haben, Frauen zu fördern”, weiß Herr Böhnke schon wieder so klug, denkt dann aber nicht so weit, dass ein Unternehmen aus betriebswirtschaftlichen Gründen das (a-) soziale Verhalten nach Feierabend gerade nicht in die Mitarbeiterbewertung einfließen lassen sollte.

Wenn ich abends mit den Kollegen ausgehe, dann möchte ich das tun, weil die Kollegen nett sind und ich Lust darauf habe, auch meine Freizeit mit ihnen zu verbringen. Ich möchte mich nicht dem sozialen Druck aussetzen, mitgehen zu müssen, weil ich ansonsten beim nächsten Projekt keine Chance habe, eine führende Position einzunehmen, nur weil der Chef nicht unterscheiden kann, dass Kompetenz und Standvermögen in der Kneipe zwei verschiedene Dinge sind.

“Ob männlich oder weiblich: Eine Führungskraft als Mentor kann dafür sorgen, dass man bei wichtigen Entscheidungen mit am Tisch sitzt.” Ja, am Tisch und nicht am Tresen.

Warum die Kopftuchdebatte oftmals ganz schön doof ist

Neulich auf Facebook geriet ich doch tatsächlich beim Thema Burka in Deutschland in eine Kurzdiskussion mit einem bekannten Liedermacher, dessen Namen ich hier mal weglasse, dessen öffentliches Zurschaustellen seiner, ahem, “Werte” ich dennoch merkwürdig fand, da er besonders in eher linken (wahrscheinlich aber doch konservativen) Studentenkreisen bekannt und beliebt ist.

Seine Meinung nicht einmal zur Burka, sondern gleich zum Kopftuch spiegelte jedoch das wieder, was man immer wieder liest, wenn es um dieses Thema geht. So schrub er, dass ihm jede Frau mit Kopftuch vermittelt, dass sie nicht von Menschen, mit denen sie nicht verwandt ist, angesprochen werden will. So weit, so abstrus.

(Man muss wohl zum einen annehmen, dass der Herr darunter auch alle dörflichen Bauernhofschönheiten meinte, die im Alter von 6-96 Kopftücher aus Sonnenschutz tragen. Oder Frauen, die aus modischen oder auch krankheitsbedingten Gründen zum Kopftuch greifen. Andernfalls nämlich müsste man die schlimme Annahme stellen, dass das Kopftuch nur dann so ein Signal der Unterdrückung ist, wenn es von Frauen getragen wird, die irgendwie so aussehen, als wären sie unterdrückt, sprich, als kämen sie aus “solchen” Ländern.)

Denkt denn auch mal jemand an die Männer?

Zum anderen zeigt sich hier jedoch ein Problem in der gesamten Kopftuchdebatte, die jetzt sogar zur Burkadebatte wird, obwohl es doch kaum bis keine Burkas in Deutschland gibt, das weit am politischen oder religiösen vorbeigeht: sie fühlen sich unangenehm berührt, die vorwiegend männlichen Kritiker des Kopftuches.

“Traurig” mache es ihn, ließ der Musiker verkünden, nachdem ich ihm Polemik vorgeworfen hatte, traurig, dass dieses Symbol der Unterdrückung teilweise sogar freiwillig von den Frauen getragen wird.

Andere fühlen sich beleidigt durch Burka, Niqab und Hijab, da dies angeblich Zeichen der Ablehnung westlicher Kultur wären. Das dürfe nicht sein, denn hier im Westen (etwa in Cannes, oder auch in Jens Spahns Deutschland) gelten unsere Regeln und da darf man nur tragen, was der Westen will.

Als Beispiel wird dann auch schon mal der Springerstiefel genommen, der ja extreme Meinungen hervorruft, wenn man sie am Fuße sieht, das müssten die Burka-Trägerinnen doch merken, dass man sie gleich für Terroristinnen hält, wenn sie so rumlaufen. Nur, dass der Springerstiefel nie zur Debatte stand, verboten zu werden, das fällt dann den Kommentatoren nicht ein, obwohl sicher schon mehr Leute durch den Einsatz von Springerstiefeln schwer verletzt wurden als durch den Stoff einer Burka.

Naja, Kleinigkeiten, es geht ja hier auch nicht darum, westliche Symbole zu verbieten, die ebenfalls asozial wirken könnten, sondern nur um diese eine Sache, die von Frauen getragen wird, um die Frauen zu schützen, aber auch, weil es die Männer so stört, solche Frauen zu sehen.

Werfen dann andere ein, dass sie aber selbstbestimmte, ja sogar feministische Muslima kennen, die ganz freiwillig entschieden haben, zur Hijab zu greifen, dann wird ihnen – wiederum von Männern – vorgeworfen, dass diese armen Frauen es ja gar nicht mehr mitbekommen würden, dass sie sich damit unterdrücken. Gut zu wissen, dass Männer immer am besten wissen, wann Frauen tatsächlich unterdrückt werden und wann nicht, das hat in den letzten Jahrhunderten auch immer ganz gut geklappt.

Ich will hier gar nicht auf den Sinn und Unsinn von Burka, Niqab und Co eingehen. Mir fehlt der theologische Hintergrund, um da wirklich sagen zu können, wie sehr dieses Kleidungsstück an die Religion gebunden ist. Mir fehlt das demographische Wissen, wie sehr sie verbreitet ist und in welchen Gebieten und wie sehr die Frauen dort unterdrückt werden.

Mir fehlt aber auch die Sicht der muslimischen Frau, die bei dieser Debatte leider kaum bis gar nicht zu Wort kommt, um zu sagen, ob es wirklich nur ein Zeichen der Unterdrückung ist, oder aber ein Kleidungsstück, das unter anderem auch zur Unterdrückung verwendet werden kann (wusstet Ihr übrigens, dass man als Frau beim Cannes Filmfest nicht auf den roten Teppich kommt, wenn man keine High Heels trägt? Gut, dass der Bürgermeister von Cannes aber gegen Burkini am Strand ist, freie Unrechte für alle).

Zu guter Letzt das Demokratieverständnis eines musikalischen Mannes, der sich angeblich für die Rechte von Frauen einsetzen will: dass doch jeder das Recht haben soll, jeden anzusprechen, den er ansprechen will.

Ich denke ja, dass eine Demokratie auch erlauben sollte, nicht von jedem dödeligen Musiker angepöbelt zu werden, wenn man einfach mit seiner stylishen Hijab durch die Stadt geht, um sein Ding zu machen und dass ein Kopftuch sogar weitaus weniger abweisend ist als ein Typ, der ein T-Shirt trägt, auf dem “Fuck Off” steht. Wen würde ich nach dem Weg fragen? An dieser Stelle trennen sich wohl unsere Wege, Mann.

Netzpiloten und die Digitalisierung: einmal Journalismus, bitte

Diese Woche sind gleich zwei Netzpiloten-Beiträge über digitale Themen in meinen Feed gespült worden, die mir die Tränen in die Augen getrieben haben. Der jüngste ist so banal und wuttreibend faul, dass ich mich hier mal mehr als sonst eines Rants bedienen muss.

Wie die Digitalisierung kurzen Prozess mit kulturellen Klischees gemacht hat“, heißt es da, das klingt ja ganz gut, aufregend sogar. Da ich jedoch beruflich im digitalen Wandel stecke und privat den klassischen Geek verkörpere, muss man mich jetzt schon ziemlich umhauen, um diese steile These zu behaupten.

Und dann muss ich lesen, dass Hendrik Geisler den alten Detektiv-Klischees hinterher trauert, aber anstatt etwas Feines darüber zu schreiben, lieber gleich groß deklariert, dass die Digitalisierung die kulturellen Klischees obsolet werden lässt, weil es – jetzt kommt es – heute keine Zeitung mehr mit Loch gibt, durch die der Spion linsen kann.

Und würde man das jetzt – der Hendrik ist immerhin Geisteswissenschaftler, der Argumentation also mächtig – in logischer Abfolge konstruieren, sähe das Argument so aus:

Es gibt keine Zeitungen mit Löchern mehr in Spionagefilmen, weil wegen der Digitalisierung bald nur noch Exoten Zeitungen lesen und daher ist die Digitalisierung daran schuld, dass alle Klischees verschwinden.

So, abgesehen davon, dass es selbst den Printzeitungen erstaunlicherweise gut geht (siehe hier, vorsichtig, PDF) und ich jetzt hier noch die These eröffnen könnte, dass die kränkelnden Verlage sich das Süppchen selbst eingebrockt haben, weil sie mehr Geld in digitale Konzepte und weniger in guten Journalismus investiert haben (siehe Netzpiloten), gibt es aber einen Punkt, der ganz ohne neu eröffnete Thesenwundertüte schwer wiegt:

Wie komme ich jetzt darauf, dass die Digitalisierung alle kulturellen Klischees zunichte macht, also wirklich alle, obwohl ich nur Klischees nenne, die es halt auch nur für einen kurzen Zeitrahmen gab, weil davor und danach (und zwar bereits lange vor dem Smartphone) neue kulturelle Klischees den Staffelstab übernommen haben?

“Doch ein Loch ins Tablet oder Smartphone bohren und durch dieses blinzeln, wird keine Lösung sein. Wenn Drohnen erst einmal Einzug in jeden Haushalt gefunden haben, wird sich kein Verbrecher mehr wundern, wenn eine Drohne über ihm surrt. Ist ja vollkommen normal geworden, oder? Der Detektiv von morgen steuert die Beschattung mit dem Smartphone.”

Und jetzt sitze ich hier, ein schiefes Grinsen im Gesicht und denke mir: Darf man heutzutage wirklich so etwas schreiben, das wird dann sogar bezahlt und veröffentlicht und niemand packt es in die Kategorie “Kinderquatsch mit Michael”, sondern in die Kategorie “Change” (was auch immer das heißen mag!)?

Diese frei assoziierten Think Pieces, die können ja auch ziemlich gut sein, das liest man ja ab und an im New Yorker, Harper’s und manchmal sogar in deutschen Medien. Aber ich glaube, was Leute wie Hendrik oder auch Marinela Potor, die jüngst über Computer-Arztpraxen im Jahr 2020 als wahrscheinliche (!!!!!) Zukunft schrieb, eher denken ist, dass so ein Think Piece erstens nicht in der Realität geerdet sein muss und sich zweitens auf keinerlei Fakten, Überlegungen oder sogar Sinn stiftende Zusammenhänge stützen muss. Da wird einfach wie früher im Deutschunterricht wild interpretiert, hier und da ein einsames Beispiel genannt (Hendrik nennt genau eine Krimiserie, in einem Beitrag, der den Verlust von Klischees in Krimiserie(n) erläutert) und das muss dann passen.

Jedes improvisierte Percussion-Instrument, das die Digitalisierung dem Stomp-Team nimmt, ist ein Gewinn für die Menschheit. 

Tut es aber nicht. Und zwar aus Gründen. Und jetzt mag der ein oder andere sagen, ‘Ja gut, Jule, schöner Rant, aber wie bitteschön stellst Du Dir das denn so vor?’ Und ich sage, ‘ich stelle mir das so vor, wie eigentlich jeder, der Grundkenntnisse im journalistisch/wissenschaftlichen Recherchieren hat:

  1. Schöne These, Hendrik, aber wie ist das denn mit Klischees, liegt es nicht in ihrer Natur, dass sie durch den kulturellen Wandel ausgetauscht werden?
  1. Überhaupt, wie definierst Du denn Klischees in genau diesem Beitrag, nicht, dass wir aneinander vorbeireden, weil es verschiedene Definitionen gibt.
  1. Was machen denn moderne Agenten, um Leute zu beschatten? Können das nicht auch Klischees sein und wenn nicht, warum nicht?
  1. War die Zeitung mit Loch überhaupt irgendwann ein Klischee, das auch in ernstzunehmenden Krimis angewandt wurde oder handelt es sich hier eh um eine Sache, die überspitzt wurde, um einen komödiantischen Effekt zu haben? Und könnte es sich nicht gerade dadurch weiterhin in der Popkultur halten?
  1. Zu guter Letzt: gibt es denn Beweise, dass es weniger Klischees in Krimiserien gibt, seit es die Digitalisierung gibt?

So, das sind jetzt fünf saftige Punkte, die aus diesem hingeschmodderten Beitrag mit etwas Recherche, Überlegung und ja, auch Gedankenstücken ein richtig famoses Stück Journalismus zum Thema Change, Digitalisierung und Popkultur machen könnten. Und vielleicht geht es Euch so wie mir, ich wäre begeistert von so einem Text gewesen und hätte ihn gerne geteilt. So teile ich das Pendant in schlecht halt ungern und dann auch noch zusammen mit diesem Beef, meinem Think Beef, quasi.

Und ja, so etwas braucht mehr Zeit und Zeit ist Geld, aber liebe Online-Redaktionen und auch Redaktionen: dann ballert mich halt nicht mit 40 Beiträgen am Tag zu, die ich alle nacheinander in die Tonne kloppen kann, sondern gebt mir 10, gerne auch nur 5 hervorragende Beiträge, die ich lese, nochmal lese, markiere, zitiere und weiterleite. Ich les doch eh nicht 40 Beiträge pro Online-Magazin/Zeitung, ich hab doch auch zu tun (zum Beispiel Rants schreiben).