Der weibliche Akt in der DDR: Skulpturen für alle

Quer durch den Berliner Tierpark gestreut sind wunderschöne Skulpturen aus der DDR-Zeit. Ein bockender junger Esel, ein paar Bisons vor einem Teich und zwei riesige Löwen vor dem Raubtierhaus, die gerne beklettert werden und sicherlich schon für das ein oder andere aufgeschrammte Knie verantwortlich waren. Neben den zahlreichen Tierskulpturen findet sich sehr häufig auch ein anderes Motiv, das kunsthistorisch typisch für die Skulpturenkunst der DDR war, jedoch im Kontext eines Tierparks merkwürdig anmutet: der weibliche Akt. Hier räkelt sich eine Nackte im Gras in der Nähe des Streichelzoos, dort, auf dem Weg zum Primatenhaus, steht eine sich streckende Schöne unbekleidet im Schilf.

Fotografie von Ben Kaden/https://www.flickr.com/photos/benkaden/

Rein pragmatisch gesehen gibt es sicherlich keine weitere Aussage für das Dasein dieser Figuren im Tierpark als dass sie damals schon da waren und nun niemand weiß, wohin mit ihnen. Schön sind sie (in den meisten Fällen) und entgegen einer sexistischen Müllermilch-Werbung oder Hintern in einem Musikvideo würde wohl niemand Probleme haben, sein Kind an ihnen vorbeizuführen.

Doch als Frau ist es merkwürdig, wenn man durch den Tierpark geht und immer wieder an idealisierten Repräsentationen des nackten weiblichen Körpers vorbeiläuft. Wenn der Feminismus kritisiert, wie die Frau in der Werbung und in der Popkultur dargestellt wird, dann sollte er auch kritisieren, wie es sich anfühlt, wenn selbst Künstlerinnen immer wieder zum weiblichen Akt zurückkehren (oft sogar der eigene Körper in der modernen Kunst) und damit – egal wie dekonstruiert – nur das wiederholen, was der männliche Künstlerblick geschaffen hat.

Um Zensur geht es hier übrigens nicht. Ich laufe nicht schamesrot durch den Tierpark und hänge Handtücher über die Brüste der Akte. Tatsächlich gefallen mir viele Skulpturen, auch wenn mich die Fülle und die Ähnlichkeit der Posen (stehend, liegend, sitzend – selten aktiv in der Bewegung) ab und an etwas irritiert. Aber wenn es um die kunsthistorische Auseinandersetzung mit den Skulpturen der DDR geht, wird selten thematisiert, wie fixiert sie doch auf den nackten, sinnlichen und häufig leider sehr passiven Frauenkörper waren (von den teils sehr fragwürdigen Kinderakten möchte ich hier gar nicht erst anfangen).

Die FKK-Kultur ist dabei keine Erklärung, sondern eine Ausrede, denn am FKK saßen erfahrungsgemäß viele alte, dicke und körperlich eher unförmige Menschen. Der DDR-Akt besteht jedoch vorwiegend aus jungen wohlproportionierten Frauen. Sicher war dieses Motiv allein kunsthistorisch ein harmloses. Der weibliche Akt gehört ja seit jeher zur Grunddisziplin jedes Künstlers (warum? das erkläre man mir bitte, ohne den Satz, dass der junge weibliche Körper schöner als anderen sei).

In einer Zeit, in der die Zensur durch den Scheinsozialismus getrieben in allen Kunstformen mit scharfer Feder führte, war es ungefährlich, Tiere, sozialistische Arbeiter- und Familienästhetik sowie den weiblichen Akt darzustellen. Mehr noch, diese Motive wurden bevorzugt in Auftrag gegeben und finanziert.

Nun ist die DDR seit einigen Jahren Geschichte. Die großen sozialistischen Propagandakunstwerke wurden entweder stumpf zerstört oder in einen historischen Kontext gebracht, mit Plaketten und Informationsschildchen. Die “harmlosen” Skulpturen findet man derweil in fast allen ehemaligen Ost-Städten wieder. Rostock, Eisenhüttenstadt, Berlin und insbesondere Magdeburg sind wahre Fundgruben für den Freund der DDR-Skulptur. Verteilt in der Stadt ist es eigentlich schön, zwischen ein paar Bäumen in einer schattigen Ecke eines Parks eine alte Skulptur zu entdecken. Doch sobald sie auf kleinem Raum zusammenkommen, fällt sie wieder auf, diese Betonung der nackten Frau, oft glatte Oberfläche, symmetrische Rundungen und ein warmer Blick. Der männliche Akt – so selten er vorkommt – darf roh, rau und mächtig sein, sei es von der Größe als auch der Bewegung her. Der männliche Akt ist selten, kraftvoll und dient als Motivation. Der weibliche Akt ist häufig, passiv und dient der Ablenkung.

Für mich ist diese Ablenkung jedoch nicht immer verträumt. Sie erfüllt wie fast jede Darstellung des weiblichen Körpers in unserer Kultur einen Zweck: ein stinkendes Bodyspray zu verkaufen, dem männlichen Helden eine Belohnung am Ende der Geschichte zu sein oder beim Spaziergang durch den Park eine künstliche Ergänzung zur Schönheit der Natur zu bieten.

Im Magdeburger Skulpturenpark und auch im Berliner Tierpark ist es daher auch eher eine unschöne Reflexion dessen, wie der weibliche Körper in unserer Gesellschaft nie der Frau allein gehört, sondern allen.

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