Too sexy for the Leipziger Buchmesse: vom grumpy old Schlips*

Carsten Otte ist empört: nachdem sich die Leipziger Buchmesse doch so wunderbar ernst und politisch gezeigt hat, im Jahr 2017, im Brexit-Jahr, im Trump-Jahr, im Erdogan-Jahr, verderben bunt gekleidete CosplayerInnen den Spaß bzw. den Ernst.

In einem wütend missmutigen Kommentar auf swr.de (Kulturthema), erklärt er:

Selbst wenn Verboten etwas Autoritäres anhaftet, sollten die Kostümorgien endlich von der Messe verbannt werden.

Ausschlag dieses Aufrufs zur Bekleidungsetikette war ein Videointerview der Schriftstellerin Asli Erdogan, die “aus ihrem türkischen Arrest nach Leipzig zugeschaltet wurde” (mehr über und von ihr übrigens hier zu lesen).

Ob die Schriftstellerin sich freuen würde, wenn ein Literat den jungen Fans der Cosplay-Kultur die Daseinsberechtigung an der Literaturmesse verbietet, weil ihr Verhalten seiner Vorstellung des korrekten Verhaltens auf einer derartigen Messe nicht entspricht?

Margarete Stokowski findet, dass Herr Otte sich da zu ernst gibt. In ihrer SPON-Kolumne geht sie auf genau diesen Widerspruch ein: das Verbieten einer Ausdrucksmöglichkeit, die der parallel verlaufenden Diskussion (im Videointerview) über das Verbieten von Ausdrucksmöglichkeit nicht formell genug ist.

Aber überlegen wir doch einmal, was hier noch dahintersteckt.

  1. Dieser “Messefasching”, so Otte, würde die Hallen verstopfen und sich doch gar nicht für Literatur interessieren. Welche Literatur der Autor von “Der gastrosexuelle Mann” damit meint, kann man hier nur erahnen. Wahrscheinlich nur die, die Herr Otte gerne liest. Dass auch Literaturformen wie Graphic Novels, Comics und Mangas einen Platz in der Literaturszene haben, das wissen wohl auch nur diejenigen, die sich mal irgendwann mit der Vielfalt und Qualität dieser Kunstform beschäftigt haben. Zumindest scheint es, als wären MessebesucherInnen, die keine “richtigen Bücher” lesen, keine richtigen MessebesucherInnen. Alles klar.
  1. Es gibt für die Leipziger Buchmesse, wie ich in diversen Kommentaren zum Thema erfahren habe, eine klare Kleiderordnung für CosplayerInnen. Diese ganze nackte Haut, die Herr Otte da so oft gesehen haben will, liegt also – wenn der Einlass nicht hier und da mal ein Auge zugedrückt hat – im Ermessen des Betrachters. Darf ich hier kurz anmerken, dass es im Jahr 2017, inklusive Burka-Verbot in Österreich, Trumps unsäglicher Politik zum Thema Schwangerschaft und Co sowie dem Heilige/Hure-Problem unseres Frauenbildes, reichlich problematisch daherkommt, wenn ein Herr im mittleren Alter von “halbnackten Hasen” (die Allegorie alleine macht das aus stilistischer Sicht sehr problematisch, übrigens) und minderjährige Cosplayer in “pornographischen Posen” redet?

Unabhängig davon, was im Hintergrund einer von Natur aus eklektischen Messe stattfindet, hätte man sich da schon etwas mehr Reflexion gewünscht. Waren sie wirklich halbnackt, die Hasen? Oder hat man einfach nur mehr als den für Herrn Otte akzeptablen Knöchel der Fräulein gesehen?

  1. Stokowski schreibt in ihrem Kommentar etwas, das in dieser Diskussion unbedingt betont werden muss:

Ich fand es auch schwierig, das alles im Kopf zusammenzukriegen. Nicht die Cosplayer, sondern die ganze Messe, das Durchschleusen von Büchern im Halbstundentakt, egal ob es darin um Völkermord, Sexkinos, Luther oder einen Ostfriesenkrimi geht. Aber es geht, die Leute hören zu.

Die Leipziger Messe ist politisch, aber nur in Teilen. Es reihen sich banalste Ergüsse an politischen Zündstoff an dramatische Autobiographien. Jede Form der Literatur hat dabei ihre Bewunderer und Kritiker und jede Form der Literatur hat eine andere Ausdrucksweise. Dass Fans von Ottes Kochbuch für den Mann wahrscheinlich denken, dass Kochbücher, die nicht speziell für Männer geschrieben sind, zu schlecht für starke, sehnige Männerhände und wulstige Geschmacksknospen sind, muss mich nicht begeistern, aber bringt mich auch nicht dazu, zu fordern, dass diese Leute bitte nicht auf der Messe ihr offensichtlich überschäumendes Testosteron verbreiten.

Dass die Ausdrucksform auch mal Kostüme annimmt, ist doch im Grunde eher ein Zeichen der Begeisterung. Wie schade, eigentlich, dass Fans von Ostfriesenkrimis nicht in Friesennerzen aller Farben auf der Messe erscheinen. Ein Verlust gar.

Herr Ottes Forderung ist problematisch, weil sie sich eine bestimmte Personengruppe herauspickt und als inakzeptabel im Rahmen der ernsteren Momente der Messe bezeichnet. Doch wie weit soll das gehen? Auf einer bunten Messe sind die Leute aus unterschiedlichen Gründen da. Das Interview mit der Schriftstellerin war nicht der Titel der Messe, daher ist es entsprechend absurd zu verlangen, dass für dieses Interview alle anderen Messegäste vergessen sollen, was sie tun, weswegen sie dort sind, um andächtig zuzuhören.

Ich kann mich natürlich daran stören, dass jemand während so eines Interviews laut dazwischenredet, lärmt oder sich abfällig über die Schriftstellerin äußert. Aber wenn ein Ausdruck der Freiheit in einer Demokratie einfach nur so im Hasenkostüm vorbeiläuft, dann sollte ich mein Möglichstes tun, das – vielleicht auch genervt – zu schätzen zu wissen.

*Den “grumpy old Schlips” habe ich mir übrigens vom wortgewandten Ben Kaden (@bkaden) geklaut.

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4 thoughts on “Too sexy for the Leipziger Buchmesse: vom grumpy old Schlips*

  1. Ich finde zwar so im Allgemeinen, dass am besten niemand mehr Messen besuchen sollte, aber mir persönlich haben auf meinem einzigen Besuch bei der Leipziger Buchmesse die Cosplayer eigentlich als einzige irgendwie was gegeben. Und ich mein jetzt gute Laune und sowas, wirklich nicht, was Herr Otte meint. Dafür wäre ich zwar auch aufgeschlossen, aber die Kostüme waren tatsächlich sehr züchtig, fand ich.

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    1. Es gibt allen wahrscheinlich eher ein Bild davon, wie Herr Otte die Welt sieht und nicht, wie schrecklich Cosplayer sind, wenn man sich seinen Artikel so durchliest. Es ist richtig unangenehm, wie oft er das “halbnackte Häschen” bemüht.

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      1. Ja, ich war davon auch peinlich berührt, und überhaupt ist das alles sehr fürchterlich dumm. Man muss ihm aber auch zugestehen, dass es wahrscheinlich sehr frustrierend für ihn ist, dass Frauen es einfach nicht auf die Reihe kriegen, sich anständig anzuziehen, ohne dass man sie dazu zwingt.

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