Falschaussagen bei Vergewaltigungen: in dubio pro Angeklagter

Aktuell wird der Fall von E. James in den Medien zertrampelt. Die ehemalige Big Brother-Teilnehmerin hatte einen Mann wegen Vergewaltigung angezeigt, woraufhin die Richterin die Klage abwies mit dem Vergleich, dass Frau James hier eine “Gina Lisa” abziehe. Abgesehen davon, dass der Fall Gina Lisa aus gerichtlicher Sicht sehr merkwürdig und geradezu generös gegenüber den Angeklagten verlief (Angeklagter B musste ja nicht mal im Gerichtssaal erscheinen), ist es relativ widerlich, als Richterin hippe Vergleiche zu ziehen, anstatt mal die Sache und auch die Klägerin sowie Gina Lisa etwas ernst zu nehmen.

Apropos ernst. Wenn es um Falschaussagen von Vergewaltigungen geht, dann nehmen vor allem Männer das sehr ernst. Rechtsanwalt Mirko Laudon, auch als Strafverteidiger tätig, schreibt also über diesen Fall, um darüber aufzuklären. Komisch, dass er bei dem Stichwort “Vergewaltigung” fast ausschließlich über Falschaussagen schreibt, obwohl doch bewiesene Falschaussagen eher spärlich gesät sind.

Ja, und hier kommt dann unsere verehrte Erzählerin, also ich, ins Spiel, die einen Twitter-Dude, der ganz empört über solche lügenden Frauen davon berichtet und dem ich also schrub, dass es immer wieder überraschend ist, wie häufig doch Falschaussagen in den Medien ausgeschlachtet werden, während die anderen Fälle, also die, wo bewiesen jemand vergewaltigt wurde, anscheinend super mega langweilig sind.

Und dann folgt die Reihe an Erklärungen:

 

– naja, das ist halt so, man sucht sich immer das besondere, um darüber zu berichten.

Stimmt, daher berichten ja auch so viele Medien gerne über muslimische Terroristen in Deutschland, aber so selten über rechte Terroristen in Deutschland. Funktioniert super.

 

– naja, vielleicht ist das ja auch sein Fachgebiet, das mit den Falschaussagen.

Klar, weil man sich auch als Anwalt so gut auf Falschaussagen spezialisieren kann. Wie soll das gehen? Nimmt man dann generell in dubio pro reo für den Angeklagten zur Grundlage, aber die Klägerin ist (muss ja) generell als Lügnerin zu verstehen?

 

– naja, aber beim konkreten Fall hat es ja gepasst.

Ja, aber warum denn spezifisch darüber berichten und das immer und immer wieder und über keine anderen Vergewaltigungsfälle, so als gäbe es so etwas wie eine echte Vergewaltigung gar nicht?

 

– nun schaden aber solche Frauen auch echten Vergewaltigungsopfern

Ja, gibt es die überhaupt, wenn man Strafverteidiger Laudon glauben mag? Was Vergewaltigungsopfern schadet ist, dass sie per se beweisen müssen, dass sie keine LügnerInnen sind. Es gibt zig Gerichtsfälle verschiedenster Bereiche, in denen gelogen wurde und wird. Dennoch glaubt man den meisten Klägern erst einmal, wenn sie sagen, dass sie beraubt, überfallen oder verprügelt wurden. Warum ist es also bei Vergewaltigungsopfern dennoch etwas anderes? Warum sind ausgerechnet diese Opfer so sehr in der Bringschuld? Und warum wundert es dann noch irgendjemanden, warum die Zahlen der zur Anzeige gekommenen Vergewaltigungen so fucking niedrig sind?

 

Echt mal, was für eine Scheiße ist das denn?

 

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13 thoughts on “Falschaussagen bei Vergewaltigungen: in dubio pro Angeklagter

  1. Es gibt zig Gerichtsfälle verschiedenster Bereiche, in denen gelogen wurde und wird. Dennoch glaubt man den meisten Klägern erst einmal, wenn sie sagen, dass sie beraubt, überfallen oder verprügelt wurden.

    Naja, in dubio pro reo gilt schon auch bei Raub, Überfall und Prügelei.

    (Zumindest vor Gericht – dass es gewisse Männerrechtsbewegte gibt, die alles ausschlachten, was sie auf dem Gebiet “Falschaussagen zu Vergewaltigungen” zusammenkratzen können, ist unbestritten.)

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  2. Sehr geehrte Frau Waack, da Sie mich in Ihrem Artikel direkt ansprechen, möchte ich Ihnen auch direkt antworten.

    Dass ich zum Stichwort „Vergewaltigung“ fast ausschließlich über Falschbeschuldigungen schreibe, liegt einfach daran, dass ich mich schwerpunktmäßig fast ausschließlich mit Falschbeschuldigungen beschäftige. Richtig ist, dass bewiesene Falschbeschuldigungen recht spärlich gesät sind. In dem von mir beschriebenen Fall war diese allerdings erwiesen, da diesbezüglich ein Geständnis erfolgte.

    Ich habe in meiner täglichen Praxis allerdings sehr viele Fälle offensichtlicher Falschbeschuldigungen, z.B. in Verfahren vor den Familiengerichten, in denen sich Frauen sehr häufig in eine bessere Position im Umgangs-/Sorgerechtsverfahren bringen wollen. Es gibt einige Fälle, in denen das Gutachten der Rechtsmedizin zum Ergebnis kommt, dass es sich um selbst beigebrachte Verletzungen handeln muss. Schließlich gibt es auch einige Verfahren, in denen eine psychiatrische Erkrankung des Anzeigeerstatters/der Anzeigeerstatterin dazu führt, dass falsche Beschuldigungen erhoben werden. Auch in diesem Zusammenhang gibt es Gutachter, die uns aufgrund ihrer wissenschaftlichen Erfahrung sagen, dass es sich hochwahrscheinlich um einen nicht erlebnisbasierten Vorwurf handelt.

    Es sind übrigens keineswegs „nur Frauen“, die falsch verdächtigen. Es sind m.E. fast ebenso viele Männer (in homosexuellen Beziehungen). Über die berichtet komischerweise nie jemand …

    Und alle Zahlen, die von sogenannten Frauen- und Opferschutzverbänden verbreitet werden, sind schlicht frei erfunden: Es gibt keine einzige verlässliche Studie dazu. Es wird immer eine Dunkelziffer angenommen, dann eine Anzahl der davon angezeigten Fälle und dann wiederum eine Anzahl der Fälle, in denen eine Verurteilung erfolgte. Das sind dann – aufgrund dieser zweifelhaften Herangehensweise – tatsächlich sehr wenige Verurteilungen. Aber die Herangehensweise ist eben auch methodisch falsch, denn eine Dunkelziffer heißt so, weil man sie eben nicht kennt. Trotzdem verbreiten alle Medien sie weiter (ist halt ne gute Story!).

    Nirgends gilt die Unschuldsvermutung so wenig wie im Sexualstrafrecht. Jedem Unschuldigen sei dringend geraten, sich einen guten Strafverteidiger mit entsprechendem Schwerpunkt zu suchen, da dort die Gefahr ausgesprochen hoch ist, unschuldig verurteilt zu werden. Viele hoffen nämlich darauf, dass sich die Unschuld von alleine herausstellen wird. Diese Hoffnung wird dann leider oft enttäuscht.

    Und weil dies so ist, muss keine einzige Frau beweisen, dass sie vergewaltigt wurde. Kein Opfer ist in der Bringschuld. Ganz im Gegenteil! Dem Opfer wird blind geglaubt und jeder Strafverteidiger, der seinen Job halbwegs versteht, würde ein auch nur mögliches Opfer „hart anpacken“ oder ihr eine Lüge unterstellen. Das wird vom Gericht nämlich mit einem deftigem Aufschlag im Urteil gegen den Angeklagten vergütet.

    Wenn Sie Interesse an Einzelfällen haben, kann ich Ihnen gern von einigen berichten – natürlich nur innerhalb der Grenzen meiner Verschwiegenheit.

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    1. Herr Laudon, vielen Dank für die sehr ausführliche Antwort auf meinen Blogbeitrag, die werde ich natürlich auch ungekürzt so stehen lassen, das kann dem Diskurs ja nur helfen.
      Etwas schade finde ich, dass sie nicht ähnlich ausführlich dem Kommentatoren Jürgen Rauscher auf Ihrem Blog antworten, der ja immerhin behauptet, dass zahlreiche Männer völlig unschuldig der Vergewaltigung beschuldigt und regelmäßig dennoch dafür bestraft werden (“Was glauben denn Sie, wie viele Männer zu Unrecht wegen so etwas bereits verurteilt wurden und keine offensichtlich misstrauische Staatsanwältin hatten?”). Hier könnte die sehr pragmatische Herangehensweise, die sie in Ihrem Kommentar auf meinem Blog gezeigt haben, eventuell auch helfen, das Thema etwas näher an den Fakten zu halten, als unkommentiert solche Aussagen stehen zu lassen, oder?

      Mit freundlichen Grüßen,

      Juliane Waack

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      1. Ich habe das nicht kommentiert. Da er zumindest nicht Unrecht hat. Es gibt nun einmal m.E. tatsächlich sehr viele Männer, die zu Unrecht verurteilt wurden, wobei natürlich Definitionssache ist, was „sehr viele“ bedeutet. Ich hatte im letzten Jahr auch einige Mandate, die von der ersten Instanz wegen sexueller Nötigung verurteilt wurden und denen ich in der Berufung zum Freispruch verholfen habe. Auch das sind (zunächst) „unschuldig Verurteilte“.

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      2. Wenn Sie das so sehen, muss ich aber leider sagen, dass ich keinen Unterschied darin sehe, entsprechend zu vermuten, dass auch Frauen, die der Falschaussage bezichtigt wurden, trotz Verurteilung nicht unbedingt schuldig sein müssen. Sie können nicht argumentieren, dass bewiesene Falschaussagen mehr Aussagekraft haben als bewiesene Vergewaltigungen. So gibt es viele Frauen, die nach der ersten Anklage die Klage zurücknehmen (auch die zählen in die Statistik der Falschaussagen hinein), was aber nicht heißen muss, dass nichts passiert ist. Aber das wissen Sie ja sicherlich auch.

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      3. Für jeden gilt die Unschuldsvermutung gleichermaßen. Wenn jemand behauptet, es sitzen viele Männer unschuldig im Gefängnis ist das genauso richtig, wie wenn jemand behauptet, es gibt –auch– Vergewaltigungen, in denen der Täter nicht verurteilt wird.

        Was jedenfalls nicht sein kann, ist, dass „viele Frauen“ die Klage nach der ersten Anklage zurücknehmen. Das hat überhaupt nichts mit Falschbeschuldigung zu tun. Eine Frau kann die Klage auch nicht zurücknehmen, da Vergewaltigung ein Offizialdelikt ist, d.h. die Staatsanwaltschaft ermittelt unabhängig weiter, selbst wenn eine Frau versucht hätte, die Strafanzeige zurückzunehmen.

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      4. In der Tat, da meinte ich wohl, “die Aussage zurückziehen”, mein Fehler, ich bin keine ausgebildete Rechtsanwältin.
        Ich bin jedoch ganz gut in Semantik und kann sehr wohl sehen, dass es inhaltliche Unterschiede zwischen “es sitzen viele Männer unschuldig im Gefängnis” und “es gibt ‘auch’ Vergewaltigungen, in denen der Täter nicht verurteilt wird” gibt.
        Herr Laudon, ich will doch gar nicht sagen, dass es keine Falschbeschuldigungen gibt. Aber ihr Kommentator redet von “vielen” unschuldigen Männern, die aufgrund von Falschbeschuldigungen im Knast sitzen und sie stimmen damit überein? Aber können sich lediglich vorstellen, dass nur einige Vergewaltiger trotz Anklage frei herumlaufen? Beweisen Sie damit nicht genau das, was ich in meinem Beitrag geschrieben habe? Und zwar, dass generell davon ausgegangen wird, dass die Frau lügt? (und nein, ein paar Fallbeispiele reichen da nicht zum Beweis, wie ein Beispiel nie zum Beweis ausreicht).
        Es wird von nicht mal 9% gesprochen, die bei einem Vergewaltigungsprozess verurteilt werden. Ich kann mir kaum vorstellen, dass auch davon noch “viele” völlig unschuldig sein sollen, das müssen ja Unmegen an Frauen sein, wenn die in mehr als 90% der Fälle gelogen haben. http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-04/studie-vergewaltigung-anzeige-verurteilung

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      5. Jede angeklagte Vergewaltigung wird von der Staatsanwaltschaft und vom Gericht sehr sehr genau geprüft. Nach meiner Erfahrung wird alles versucht, um den (vermeintlichen) Täter irgendwie doch zu verurteilen. Erst, wenn es überhaupt keine andere Möglichkeit mehr gibt, wird ein Täter mal freigesprochen oder ein Verfahren eingestellt. Da macht es sich kein Staatsanwalt und kein Richter leicht!

        Die 9% sind – wie bereits dargestellt – frei erfunden! Bitte lesen Sie dazu folgende Artikel von mir, die das genau erklären:

        http://www.strafakte.de/sexualstrafrecht/die-schwaechen-der-strafverfolgung-im-sexualstrafrecht-vergewaltigung/

        und insbesondere

        http://www.strafakte.de/sexualstrafrecht/studie-zu-vergewaltigung-wer-taeter-opfer/

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  3. Da er zumindest nicht Unrecht hat.

    Dennoch gibt es gerade in diesem hochsensiblen Feld eine Dimension, die man m.E. nicht vernachlässigen darf, nämlich die der diskursiven Wirkung. Ich würde mir mehr Sensibilität wünschen, die man übrigens leicht durch das Aufzeigen des größeren Kontextes erreichen kann, der betont, dass es natürlich auch die andere Seite gibt.

    Das Problem ist nämlich tatsächlich, dass solche offenen Fragen:

    “Was glauben denn Sie, wie viele Männer zu Unrecht wegen so etwas bereits verurteilt wurden und keine offensichtlich misstrauische Staatsanwältin hatten?”

    nicht nur zu einer gewissen Deutungsbreite einladen, sondern genau genommen ziemlich eindeutig implizieren, dass es ein Massenphänomen gäbe und man daher Frauen in solchen Situationen zunächst einmal besonders misstrauisch begegnen sollte. Für tatsächliche Vergewaltigungsopfer und auch für den Diskurs dazu ist es hochproblematisch und erniedrigend, solch eine Interpretation ohne Relativierung stehen zu lassen.

    Das merkt man spätestens auf Twitter, wenn sich selbsterklärte Männerrechtler angesichts aller möglichen Debatten zum Thema sexuelle Gewalt darauf berufen. Dann steht dort nach drei Interpretationsschleifen: Der Mirko Laudon, Fachanwalt in diesem Bereich, betont ja auch, dass unschuldige Männer systematisch von hysterischen Frauen des sexuellen Missbrauchs beschuldigt werden. Nur eben in anderer Sprache. So unterstützen Sie mit Ihrer Fachautorität am Ende Leute, die sie wahrscheinlich eher nicht unterstützen wollen. Ich denke, dass sollte man immer mitreflektieren, wenn man sich gerade als Experte öffentlich dazu äußert. (Das ist ja kein Aufsatz in der NStZ. Sie bedienen hier ein Publikum mit jeweils sehr unterschiedlichen und unterschiedlich qualifizierten Leseinteressen.) Dem Opfer einer Vergewaltigung wird vielleicht im Gerichtssaal “blind geglaubt” – ich vertraue da auf ihre Erfahrungen. Im, wenn man so will, Männerrechts-Web dagegen erfahrungsgemäß überhaupt nicht.

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    1. Natürlich haben Sie recht – zumal man natürlich mit mehr Fokus auf Falschanschuldigungen die Gefahr eingeht, Verbrecher frei laufen zu lassen. Doch den vernüftigen Teil des Diskurses muss man leider vor einem Hintergrund sehen, in dem sexuelle Gewalt enorme Aufmerksamkeit und Polarisierung auf sich zieht – genauso wie Milliarden von Steuergeldern. Diese Einseitigkeit hat bereits mehrere Opfer gehabt; nur in eklatanten Fällen kennen wir sie, aber, sowie mit sexueller Gewalt allgemein, die Dunkelziffer sind groß. Sie sehen, was passiert, wenn sich alles weiter zuspitzt, in den Tribunalen an amerikanischen Universitäten.

      Dass ein Fokus auf männliche Opfer von sexueller Gewalt und Falschanschuldigungen ins rechte Eck gestellt wird, ist für mich geradezu lächerlich – denn die Forderungen sind extrem progressiver Natur. Ich würde nie Frauenhass oder Einseitigkeit billigen, aber es könnte sein, dass wir gerade aufgrund unserer Geschlechterrolle und Instinkte, Frauen zu beschützen, relativ wenig brauchen, um auch vernüftige Ansichten als extremistisch abzukanzeln. Historische Beispiele dafür gibt es genug.

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  4. Vielen Dank für Ihre Gedanken.

    Erstens möchte ich hervorheben, dass man Berichterstattung über Falschbeschuldigungen vor dem Hintergrund sehen muss, dass sich fast sämtliche Mittel, die eingesetzt werden, den Opfern, und leider manchmal den Falschbeschuldigern zu Gute kommen, und dass wir trotz der Schwierigkeit, in solchen Fällen jemanden schuldig zu sprechen, eine kritische Maße von erwiesen falsch Verurteilten beobachten können. Genauso wie bei Vergewaltigungsanzeigen dürften dort die Dunkelziffer groß sein. Es ist natürlich ein großer Verstoß gegen das Rechtstaatsprinzip, den wir nicht vergleichen sollen mit Opfern, deren Anschuldigungen nicht zu einem Urteil führten.

    Die Polarisierung dieser Debatte ist vor allem deswegen unsinnig, da ich es mir nicht vorstellen kann, dass es unter den Teilnehmern Befürworter der Vergewaltigung oder der Falschanschuldigung gibt. Ich zähle zu den Letzteren, aber lediglich deswegen, weil die Seite wenig Mittel bekommt – doch aber zunehmend Beachtung, obwohl leider polarisierend, tendenziös, und kaum hilfreich.

    Für mich ist es vollkommen klar, dass eine Nebenwirkung der medialen Aufmerksamkeit, die Sexualdelikte mit sich bringen, sowie die stattlichen Mittel, die in den Opferschutz und die Anklagen fließen und der damit einhergehenden Druck, von dem jeder Polizist oder jede Staatsanwältin zeugen kann, eine Steigung von Falschanschuldigungen sein wird. Sie sind, wie Sie sagen, spärlich gesät – selbst wenn man die Schätzungen der anderen Extreme nimmt, wie zum Beispiel die 80% Schätzung eines ostdeutschen Polizeibeamten, der seine Arbeit wohl verloren hat daraufhin, kommen sie sehr selten vor im Vergleich zu, sagen wir mal, sexuellen Akten. Geht man von einem hohen Dunkelziffer aus – was ich für glaubwürdig halte, vor Allem für nicht-traditionelle Opfer – ist die Zahl als Prozent der Vergewaltigungen auch sehr klein. Ich würde also nie behaupten, Falschanschuldigungen stellen ein größeres Problem dar, als sexuelle Gewalt gemeinhin.

    Doch genauso wie wir sexuelle Gewalt nicht ignorieren, weil es Mord und Terrorismus gibt, ist der Ausmaß des Problems keine Ausrede dafür, es nicht erst zu nehmen und die Anreize zu sehen, die das System ohne Absicht aufstellt und die einige Leute, vielleicht unter Histrionie oder gar volle Empathielosigkeit leidend, ausnutzen. Denn aus meiner persönlicher Erfahrung ist klar: das, was mir passiert ist, anzuzeigen, war außer Frage, selbst wenn ich mit einem System zu tun haben würde, das männliche Opfer genauso empathisch behandelt wie weibliche. Ich wollte einfach alles vergessen, habe mir selber die Schuld gegeben, und auf keinem Fall jedes Detail zehn mal wiederholen und ergründen, um überhaupt eine Chance zu haben, dass gegen den Täter ernsthaft ermittelt wird. Doch falls ich das Trauma nicht tatsächlich erlebt hätte, und mich wahnsinnig nach Ruhm und Sympathie sehnte, wäre der Prozess wohl gar nicht so schwierig, und vielleicht sogar belohnend. Emma Sulkowicz, angenommen, dass ihre Geschichte, wie es aussieht, falsch war, hat durch Ihre Aktion sogar Obama getroffen und weltweiten Ruhm – und Hoch – ergattert.

    Das nicht einzusehen, finde ich fast frauenfeindlich – fest verankert in einem viktorianischen Frauenbild, laut dessen Frauen kaum freien Willen besitzt und unfähig sind, Übles zu tun (es sei denn, sie verkauft ihre Sexualität unter Preis). Wir sind alle Menschen, die auf Anreize reagieren; es gibt keine Gründe, wieso es in diesem Fall anders ist. Nach der schrecklichen Vergewaltigung in Indien und die darauf folgende Kampagne der Regierung, ist die Zahl der Falschanschuldigungen derart gestiegen, dass selbst die Delhi Commission for Women offiziell Frauen darum gebeten hat, aufzuhören, und dabei eine Zahl vo 50% genannt. Dazu zählen NICHT die etwa 30% der Anschuldigungen, deren Basis waren, dass Sex stattgefunden hat unter der Annahme der Frau, dass er die Heirat anbieten würde (ja, das gilt tatsächlich als Vergewaltigung in Indien). Ein Zeichen der Zeit waren die Schwester Rochart (??), die weltweite Sympathie ergatterte, als sie in einem Bus einen Jungen verprügelten, da er sie begrapscht haben soll – obwohl danach Videos der Mitfahrer herauskamen, die deutlich zeigten, dass die Aggression von den Mädchen ausging.

    Wie gesagt, es sind nicht viele. In den meisten Fällen geben beide Parteien zu, dass Geschlechtsverkehr stattgefunden hat; da kann man eine Falschaussage natürlich nicht nachweisen. Es ist natürlich Schade, dass nur die eklatantesten Geschichten die Medien erreicht: Fälle wie Lohfink macht mich kein bisschen geneigter, das, was mir passiert ist, anzumelden. Es geht mir viel mehr darum, das Thema zu entpolitisieren und etwas Vernunft herrschen zu lassen. So, wie es jetzt ist, fügen wir zu dem bereits verbreiteten Leid neue Opfer hinzu: Opfer der Falschanschuldigungen, aber auch Opfer, die sich gar nicht melden oder aufgrund der schwierigen Beweislage ihre Peiniger nicht verurteilt bekommen. Das möchte doch keiner von uns.

    Ich bilde mir natürlich nicht ein, dass ich Sie überzeugen kann – aber ich hoffe, damit den Eindruck behoben zu haben, dass Leuten, die sich für die Opfer von Falschanschuldigungen einsetzen, Sympathie für Opfer von sexueller Gewalt fehlt. Ganz im Gegenteil; wir müssen das System erweitern, um Opfern, die zu den traditionellen Geschlechtsmustern nicht passen, ebenso Unterstützung anzubieten. Auf dem Punkt treffe ich tatsächlich auf Wiederstand – meistens von rechts, doch in den letzten zehn Jahren auch von links.

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  5. Vielen Dank für Ihre Gedanken.

    Erstens möchte ich hervorheben, dass man Berichterstattung über Falschbeschuldigungen vor dem Hintergrund sehen muss, dass sich fast sämtliche Mittel, die eingesetzt werden, den Opfern, und leider manchmal den Falschbeschuldigern zu Gute kommen, und dass wir trotz der Schwierigkeit, in solchen Fällen jemanden schuldig zu sprechen, eine kritische Maße von erwiesen falsch Verurteilten beobachten können. Genauso wie bei Vergewaltigungsanzeigen dürften dort die Dunkelziffer groß sein. Es ist natürlich ein großer Verstoß gegen das Rechtstaatsprinzip, den wir nicht vergleichen sollen mit Opfern, deren Anschuldigungen nicht zu einem Urteil führten.

    Die Polarisierung dieser Debatte ist vor allem deswegen unsinnig, da ich es mir nicht vorstellen kann, dass es unter den Teilnehmern Befürworter der Vergewaltigung oder der Falschanschuldigung gibt. Ich zähle zu den Letzteren, aber lediglich deswegen, weil die Seite wenig Mittel bekommt – doch aber zunehmend Beachtung, obwohl leider polarisierend, tendenziös, und kaum hilfreich.

    Für mich ist es vollkommen klar, dass eine Nebenwirkung der medialen Aufmerksamkeit, die Sexualdelikte mit sich bringen, sowie die stattlichen Mittel, die in den Opferschutz und die Anklagen fließen und der damit einhergehenden Druck, von dem jeder Polizist oder jede Staatsanwältin zeugen kann, eine Steigung von Falschanschuldigungen sein wird. Sie sind, wie Sie sagen, spärlich gesät – selbst wenn man die Schätzungen der anderen Extreme nimmt, wie zum Beispiel die 80% Schätzung eines ostdeutschen Polizeibeamten, der seine Arbeit wohl verloren hat daraufhin, kommen sie sehr selten vor im Vergleich zu, sagen wir mal, sexuellen Akten. Geht man von einem hohen Dunkelziffer aus – was ich für glaubwürdig halte, vor Allem für nicht-traditionelle Opfer – ist die Zahl als Prozent der Vergewaltigungen auch sehr klein. Ich würde also nie behaupten, Falschanschuldigungen stellen ein größeres Problem dar, als sexuelle Gewalt gemeinhin.

    Doch genauso wie wir sexuelle Gewalt nicht ignorieren, weil es Mord und Terrorismus gibt, ist der Ausmaß des Problems keine Ausrede dafür, es nicht erst zu nehmen und die Anreize zu sehen, die das System ohne Absicht aufstellt und die einige Leute, vielleicht unter Histrionie oder gar volle Empathielosigkeit leidend, ausnutzen. Denn aus meiner persönlicher Erfahrung ist klar: das, was mir passiert ist, anzuzeigen, war außer Frage, selbst wenn ich mit einem System zu tun haben würde, das männliche Opfer genauso empathisch behandelt wie weibliche. Ich wollte einfach alles vergessen, habe mir selber die Schuld gegeben, und auf keinem Fall jedes Detail zehn mal wiederholen und ergründen, um überhaupt eine Chance zu haben, dass gegen den Täter ernsthaft ermittelt wird. Doch falls ich das Trauma nicht tatsächlich erlebt hätte, und mich wahnsinnig nach Ruhm und Sympathie sehnte, wäre der Prozess wohl gar nicht so schwierig, und vielleicht sogar belohnend. Emma Sulkowicz, angenommen, dass ihre Geschichte, wie es aussieht, falsch war, hat durch Ihre Aktion sogar Obama getroffen und weltweiten Ruhm – und Hoch – ergattert.

    Das nicht einzusehen, finde ich fast frauenfeindlich – fest verankert in einem viktorianischen Frauenbild, laut dessen Frauen kaum freien Willen besitzt und unfähig sind, Übles zu tun (es sei denn, sie verkauft ihre Sexualität unter Preis). Wir sind alle Menschen, die auf Anreize reagieren; es gibt keine Gründe, wieso es in diesem Fall anders ist. Nach der schrecklichen Vergewaltigung in Indien und die darauf folgende Kampagne der Regierung, ist die Zahl der Falschanschuldigungen derart gestiegen, dass selbst die Delhi Commission for Women offiziell Frauen darum gebeten hat, aufzuhören, und dabei eine Zahl vo 50% genannt. Dazu zählen NICHT die etwa 30% der Anschuldigungen, deren Basis waren, dass Sex stattgefunden hat unter der Annahme der Frau, dass er die Heirat anbieten würde (ja, das gilt tatsächlich als Vergewaltigung in Indien). Ein Zeichen der Zeit waren die Schwester Rochart (??), die weltweite Sympathie ergatterte, als sie in einem Bus einen Jungen verprügelten, da er sie begrapscht haben soll – obwohl danach Videos der Mitfahrer herauskamen, die deutlich zeigten, dass die Aggression von den Mädchen ausging.

    Wie gesagt, es sind nicht viele. In den meisten Fällen geben beide Parteien zu, dass Geschlechtsverkehr stattgefunden hat; da kann man eine Falschaussage natürlich nicht nachweisen. Es ist natürlich Schade, dass nur die eklatantesten Geschichten die Medien erreicht: Fälle wie Lohfink macht mich kein bisschen geneigter, das, was mir passiert ist, anzumelden. Es geht mir viel mehr darum, das Thema zu entpolitisieren und etwas Vernunft herrschen zu lassen. So, wie es jetzt ist, fügen wir zu dem bereits verbreiteten Leid neue Opfer hinzu: Opfer der Falschanschuldigungen, aber auch Opfer, die sich gar nicht melden oder aufgrund der schwierigen Beweislage ihre Peiniger nicht verurteilt bekommen. Das möchte doch keiner von uns, oder?

    Ich bilde mir natürlich nicht ein, dass ich Sie überzeugen kann – aber ich hoffe, damit den Eindruck behoben zu haben, dass Leuten, die sich für die Opfer von Falschanschuldigungen einsetzen, Sympathie für Opfer von sexueller Gewalt fehlt. Ganz im Gegenteil; wir müssen das System erweitern, um Opfern, die zu den traditionellen Geschlechtsmustern nicht passen, ebenso Unterstützung anzubieten. Auf dem Punkt treffe ich tatsächlich auf Wiederstand – meistens von rechts, doch in den letzten zehn Jahren auch von links.

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    1. Hallo Herr Jonsson,

      lieben Dank für Ihren Kommentar. Sie brauchen mich gar nicht zu überzeugen, ich bin definitiv gegen Falschaussagen und verweigere mich auch nicht der Berichterstattung darüber. Doch es gibt gerade in den Medien den Hang, diese Falschaussagen nicht als Fälle zu behandeln, die schlimm sind, aber im Vergleich zu echten Vergewaltigungsfällen nicht in der Mehrheit stattfinden, sondern als Beweise dafür, dass es wieder mal eine Frau gegeben hat, die damit einem Mann schaden wollte. Ich weiß nicht, wie es tatsächlich vor den Gerichten aussieht, aber in der Popkultur (also auch Filmen, Serien und Co) gehört die Falschaussage ja mittlerweile zum Klischee des Kriminalplots und Thrillers.
      Es stimmt, dass vor dem Gericht ohne Zweifel geprüft werden muss, ob jemand schuldig ist oder nicht und da gilt, dass auch der/die Angeklagte ein Recht auf einen fairen Prozess hat ohne Vorurteil (im wahrsten Sinne des Wortes). Doch wenn wir sehen, dass es bei Bill Cosby selbst bei 30+ Frauen, die über Missbrauch und Vergewaltigung geredet haben in den Medien immer noch Zweifel gab, dann müssen wir auch erkennen, dass wir die Berichterstattung über solche Fälle äußert vorsichtig angehen müssen und die Frequenz bzw. Gewichtung dieser Themen muss dabei im Kontext beachtet werden.
      Ich bin übrigens auch vehement gegen Aktionen wie eine Alice Schwarzer, die in der BILD (ausgerechnet) einen Kachelmann-Prozess kommentiert, obwohl ihr jegliches Fachwissen dazu fehlt. Für mich gehören die Urteile dieser Fälle vors Gericht und nicht in die Kommentarspalte der BILD.

      Mit freundlichen Grüßen,
      Juliane Waack

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