US Wahl 2016: meine Wut, meine Fehler, meine Motivation für die Zukunft

Crossings @ SlackwidowAch Mensch. Es hat seine Gründe, dass ich zu spät darüber schreibe und mittlerweile die wohl millionste Person bin, die nichts zur Debatte beiträgt, aber hey, wozu sind Blogs sonst da?

Hätte ich gestern – pünktlich zum Wahlergebnis – versucht, etwas zu schreiben, wäre es sehr schwierig gewesen, denn wie sortiert man einen gutturalen, animalistischen Laut der Verzweiflung und Wut in Buchstaben um? Selbst das Poop-Emoji hätte nicht ganz gepasst, immerhin grinst es und verzerrt seinen Poop-Mund nicht in einen Munch-Schrei der ewigen Qual.

Ich würde mich jetzt gerne den zahlreichen (auch deutschen) Kommentatoren anschließen, die mehr oder weniger schulterzuckend gesagt und geschrieben haben “naja, Hillary wäre auch nicht besser gewesen.” Leider gehöre ich zu den Leuten, die eine leicht problematische, aber hochqualifizierte Frau mit Charisma-Problemen nicht wirklich mit einem unqualifizierten Populisten mit rassistischen und sexistischen Ressentiments gleichsetzt. Bevor jetzt jemand kommentieren möchte, wie viel schlimmer sie doch ist: ich akzeptiere nur Kommentare mit journalistischen Standards (Quellen, Nachweise und einer direkten Gegenüberstellung mit Trump).

Da mag ich altmodisch sein, aber für mich sollte der/die PräsidentIn der Vereinigten Staaten ein Modicum an Erfahrung in der Politik haben und nicht unbedingt die eigenen Wähler zum Lynchen von Gegnern aufrufen.

Gerade deshalb war ich gestern von 7:00 bis 00:00 wütend auf alle und jeden, die nicht für Hillary gewählt haben. Ich weiß, ich weiß, man sollte nicht denjenigen die Schuld geben, die eine Gewissensstimme für einen Drittkandidaten abgegeben haben, immerhin wäre das auch egal (ist es nicht), aber wenn man in einem kaputten Wahlsystem wie dem der USA lebt, jedoch nach einem idealistischen Traumsystem wählt und hofft, dass schon alles gut geht, dann verdient man doch zumindest ein wenig Side-eye, oder?

Höchstens bei den Nichtwählern war ich gestern gerade wütend genug, um nur diejenigen zu verfluchen, die nicht gerade erhebliche Nachteile durch fehlende Arbeitsstunden auf dem Lohnzettel oder schlechte Verkehrsanbindungen der wenigen Wahllokale zu beklagen hatten. Denn auch das: das Wahlsystem der USA ist grotesk, aber so ist es halt jetzt.

Und ich bin auch wütend auf die Medien, denn man kann mir sagen so oft wie man will, dass die Berichterstattung allein auch nichts geändert hätte oder dass die Medien einfach mehr auf die Probleme von Trumps Wählern hätten eingehen müssen, ich bin überzeugt, dass es bereits geholfen hätte, wenn man nicht jeden Wortfetzen, jede banale Pressekonferenz und jeden Laut, den Trump von sich gegeben hat, zu senden, zu drucken und abzutippen (und zwar oftmals kommentar- und kritiklos). Wir alle wissen doch, dass dieser eine beschissene Sommerhit jedes Jahr ab August so oft durch unsere Gehörgänge geflogen ist, dass wir im September leise mitsummen, wenn er im Radio läuft, warum also müssen wir 24/7 lesen, was Trump sagt, obwohl er so gut wie immer nichts zu sagen hat und warum lesen wir proportional selten, was Hillary, Bernie und wer sonst noch mutig genug war, diesen Kram mitzumachen, zu sagen hat?

Ich meine, als es in Europa zu Terroranschlägen kam, brachte die Tagesschau Zitate vom amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten und von Trump. WTF?

Das haben die Medien uns eingebrockt, aber anstatt von Psy zu lernen, haben sie es dieses Jahr wiederholt. Fools!

Und ich mache mir große Sorgen, weil es ähnlich läuft, wenn Petry, von Storch und die anderen Populisten ihre Kommentare abgeben. Was kümmert es mich, was Gauland auf Facebook schreibt. Wenn es gegen die Gesetze verstößt, sollten die Leute es an die Polizei weitergeben. Solange es nichts Wertvolles zu einer politischen Debatte beiträgt (und mal ehrlich, Facebook-Posts tun das selten), muss es nicht in den Medien kopiert, zitiert und als Aufmacher aufbereitet werden. Es ist nichts weiter als Boulevardpresse, die jedoch im Politteil unterkommt und so maßgeblich die Perzeption beeinflusst.

Als ob es uns interessieren würde, ob Sarah Wagenknecht die neuen Gesichter auf der Kinderschokolade mag oder nicht.

Diese Skandal-Hysterie ist gefährlich in einem Wahlkampf und zwar, weil auch ich darauf reingefallen bin, weil auch ich mich über Trump lustig gemacht und aufgeregt habe und dabei vergessen habe, den Fokus auf Hillary Clinton zu lenken, zu berichten und zu posten, warum sie eine gute Kandidatin ist/war (Und das glaube ich. Keine perfekte Kandidatin, aber mal ehrlich, Obama hat trotz Charisma auch ganz schön viel verbockt und angerichtet, da hätte sie kaum noch einen drauf setzen können).

Stattdessen sind die meisten von uns – egal ob Presse, Linke, Demokraten oder Promis – direkt in die von Arroganz geprägte Irrung reingefallen, unsere Verachtung und Herablassung wäre der entscheidende Hebel zum Sieg und haben Trump, Trump und immer wieder Trump zitiert und ausgelacht, anstelle Hillary zu feiern und zu unterstützen. Kein Wunder, dass die meisten dachten, sie wäre eine Notlösung anstelle einer echten probaten Wahloption, die auf Kompetenz und einer Vision basiert.

Ich kann es natürlich nicht belegen (ebenso wie die dämlichen Bernie Bros belegen können, dass er bessere Chancen in der Wahl gehabt hätte, btw), aber ich werde es 2017 in Deutschland anders probieren. Ja, jetzt kommt der motivierende Teil, der jedem dieser blöden Blogbeiträge über diese blöde Wahl innewohnt. Gerne auch begleitet mit motivierender Musik:

Ich werde mich darüber informieren, wie meine Stimme wirklich etwas bewirken kann, unabhängig davon, ob sie meinem Ego gut tut oder nicht. Und dann werde ich darüber berichten und erklären, warum ich es tue. Ich werde den klassischen Wahlkampf mitmachen. Ich werde die guten Sachen fördern und die schlechten ignorieren, damit es nicht wieder zu einem Informationsungleichgewicht kommt, aber auch, damit sich niemand in der Afd einreden kann, dass sie eine kleine, unbedeutende Minderheit sind, die nicht ernst genommen werden, von denen “da oben” und nur verfolgt werden in den Medien für das, was man doch mal sagen darf. Wenn ich kritisiere, dann konstruktiv und nicht arrogant herablassend, um aufzuklären, anstatt auflaufen zu lassen (und ja, ich werde oft genug an diesem Vorhaben scheitern).

Das heißt aber, dass ich meine Überheblichkeit fein säuberlich in das kleine, schwarze Loch stecke, das die Wahl gestern in mir hinterlassen hat und mit einem vorerst sicherlich sehr geschauspielerten Optimismus verspachteln werde, um zumindest für die Wahl hier in Deutschland eine andere Rolle zu spielen als viele in Amerika gespielt haben: der anscheinend doch überwältigenden Minderheit, die gegen Gleichberechtigung stimmt, um ihre eigenen Privilegien zu schützen, einen Grund zu geben, noch aggressiver und verschwörerischer daran zu glauben, dass sie eine Alternative für irgendetwas wären (Spoiler Alert: sie sind es nicht).

DAS hier ist die einzige Alternative, die wir haben (immer):

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6 thoughts on “US Wahl 2016: meine Wut, meine Fehler, meine Motivation für die Zukunft

  1. Ich hab lange nicht mehr so kämpfen müssen, um nicht doch noch mal was bei Twitter zu schreiben, wie gestern.
    Es war ein bisschen wie beim Brexit. Jemand schrieb zum Beispiel, als Trump ungefähr die Hälfte der Wahlmänner hatte, die ihm zum Sieg fehlten, dass das unabhängig vom Ausgang der beschämendste Moment in der US-Geschichte sei.
    Und.
    Also.
    Ähm.
    Ja, Trump ist schlimm.
    Aber hallo?
    Genozid? Bürgerkrieg? Sklaverei? Segregation? Gehts noch?

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    1. Ich hab gestern gelesen, dass Hillary Clinton die korrupteste US-Politikerin aller Zeiten ist. Hyperbole ist ein beliebtes Mittel für Tweets bei solchen Geschehnissen. Ich hab sogar darauf geantwortet, es dann aber sein gelassen, als sich mein Gegenüber zum Aluhut bekannt hat (angeblich hat Hillary Leute umbringen lassen? Das war mir neu).

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      1. (Ja also. Sicherlich nicht direkt. Die Regierung, zu der sie gehört, bekanntermaßen schon. Aber das will Trump ja noch ausweiten, wäre also kein so gelungenes Argument.)

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