Der kleine Sexismus: Schwamm drüber

Im Freitag gibt es aktuell ein sehr sympathisches Interview mit Olli Schulz, der Mann, der dafür sorgt, dass viele meiner Freunde und Bekannte den Jan Böhmermann sympathischer finden als er eigentlich ist, da er durch seine sanfte, entspannte Art den angestrengten Arroganzugträger aufwertet.

Und während ich dieses Interview so lese und mir denke, “man, das ist so gut und gut durchdacht”, fällt mir dann so ein Beispiel vor die Füße und das macht die Schuhe dreckig, nicht viel, aber gerade so, dass man sich ärgert, weil wer putzt schon gerne seine Schuhe, aber wenn man es nicht macht, bleibt der Fleck da halt drauf und man denkt immer daran, dass man sie ja putzen müsste, wannimmer man nach unten schaut an der roten Ampel oder im Fahrstuhl.

Da erzählt der Olli also, dass er ein wunderschönes Beispiel des gelebten Altruismus erlebt hat. Ein junges Mädchen, das immer seinen Opa (der im Rollstuhl saß und im Altersheim lebte) durch die Straßen fuhr und später dann auch andere alte Leute aus dem Heim, da sie nach dem Tod des Opas so sehr an diese anderen, einsamen alten Leute im Heim denken musste. Das findet Olli wunderbar, dass jemand, obwohl es so viele andere Dinge gibt, die der Jugend halt so offen stehen, trotzdem so sehr an die anderen denkt, dass diese vielen Dinge vorerst warten müssen.

Das ist alles gut und berührend und vielleicht auch motivierend, dünkte man so vor sich hin, wenn nicht dieses eine Detail wäre: dieses Mädchen ist bildhübsch.

Die ist bildschön und könnte sich in dieser Instagram- und Tinderaccount-Welt versenken, aber sie trifft die Entscheidung: „Ich will nicht im Prenzlauer Berg am Latte Macchiato-Strich sitze (sic)“. Das hat mich wirklich gerührt und ich dachte: „Was für ein toller Mensch.“(Olli Schulz, Freitag, “Ich will die Leute einlullen”, 17.10.2016)

Und das les ich und denke so, boah, man ey, Olli, was soll das denn. Natürlich weiß ich, wie er es meint, wie viele Frauen wissen, wie er es meint. Aber es klingt trotzdem so, als wenn er diesen Gedanken nicht gehabt hätte, wenn ein bildhässliches Mädchen die Rollstühle und Menschen geschoben hätte, weil der halt nicht die Instagram-Welt offen steht. So als wäre der Altruismus halt ganz natürlich bei den hässlichen Menschen, die haben ja sonst nix, aber die schönen Menschen dürfen/müssen/sollen dafür auch noch bewundert werden.

Und dann denke ich mir, Mensch Jule, das sind doch diese feministischen Diskussionen, wegen denen Du so oft dieses Augenrollen zu sehen kriegst, dieser popelige Gniedelkram, der am Ende des Tages auch wurscht ist, immerhin ist Olli keiner dieser anderen Typen, die Frauen vorschreiben wollen, was sie tragen, während sie Rollstühle schieben. Ganz im Gegenteil, der ist wahrscheinlich so richtig super und Du wurstelst ihm hier Sexismus an die Backe.

Und das sind dann diese komischen Momente, wo man den Schwamm zum drüber’n rausholt, weil man sich halt nicht an so fuzzeligem Kleinkram abarbeiten möchte. Genau das ist das nämlich: abarbeiten und zwar mit einem winzigen Spielzeughämmerchen an einer gigantischen Bergplatte.

Es ist eine Sache, wenn ich auf Facebook mal wieder darüber diskutiere, ob Feminismus nun männerfeindlich ist oder nicht (kurze Antwort: nein). Aber sich über diese kleinen, fast schon niedlichen Sexismen der Alltagssprache und -erlebnisse aufzuregen, das legt man irgendwann so ab, wie man auch die Emo-Pins aus dem ersten Semester von der Jacke ablegt. Und nein, man gewöhnt sich nicht daran und übersieht es, es fällt einem immer und immer wieder auf, aber es fällt halt nicht mehr ins Gewicht. Dann hält man halt kurz inne, denkt sich so, “Boah, Olli, was soll das denn” und dann macht man halt weiter mit seinem Kram, schaut geradeaus, nicht auf die Schuhe.

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4 thoughts on “Der kleine Sexismus: Schwamm drüber

    1. Es geht in diesem Fall tatsächlich, da ich Olli Schulz so irgendwie ganz ok finde, aber mich nicht direkt zum Fandom zählen würde. Die Erwartungshaltung an Menschen steht und fällt ja mit dem Bezug, den man zu ihnen hat.

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