Appropriation: und wir verstehen es einfach nicht

Im deutschen Feuilleton kommt endlich das Thema der “Cultural Appropriation” (Kulturelle Aneignung) an, sprich, der Aneignung fremder Kulturen für meist oberflächliche oder kommerzielle Zwecke. Appropriation ist beispielsweise eine Katy Perry, die sich im Kimono und anderen japanischen Symbolen für ihr Musikvideo schmückt – ganz ohne Kontext also Teile einer komplexen Kultur nimmt und als Accessoires benutzt.

Appropriation ist allerdings auch so ein Hollywood, das beispielsweise einen Film über den persischen Lyriker Rumi drehen will und dafür den ganz und gar nicht persischen Leonardo DiCaprio castet.

Cultural Appropriation ist Nichts Neues. In der Tat ist es so gebräuchlich im privilegierten weißen Kulturkreis, dass es eben diesen sehr wütend macht, wenn andere es nicht mehr hinnehmen wollen. Und wenn die privilegierte Mehrheit für etwas kritisiert wird, was Minderheiten abwertet, ausnutzt oder marginalisiert, dann gibt es für die Mehrheit einen netten Begriff anstelle eines Einsehens: Zensur.

Martin Ebel wundert sich im Tagesanzeiger. Nachdem Lionel Shriver kürzlich auf einem australischen Literaturfestival mit Sombrero auf die Bühne und dafür eintrat, dass doch bitte alle weißen Autoren über alles schreiben dürfen, ohne jemals dafür kritisiert zu werden, ebenso wie weiße College-Fratboys doch bitte mexikanische Saufpartys mit Sombreros feiern sollen können, ohne sich gegenüber den lateinamerikanischen Kommilitonen erklären zu müssen, findet sich der Literaturbetrieb im Konflikt.

Zum einen möchte die intellektuelle Elite natürlich aufgeklärt und weltoffen erscheinen. Zum anderen zeigt sie aber immer wieder, dass die Vorurteile, der Sexismus und auch der Rassismus gerade in ihr sehr viel perfider, sprich, versteckter in den Ritzen klebt.

So argumentiert Shriver, dass es die Aufgabe einer Autorin sei, sich in andere Menschen (-leben) hineinzuversetzen. Es sei sowieso alles “fake” in der Fiktion, daher sei es das gute Recht jeder Autorin, sich ein beliebiges Sujet herauszusuchen. Alles andere würde exkludieren, einschränken und die Welt am Ende kleiner machen.

Das mag stimmen. Ebenso, wie es stimmt, wenn Ebel schreibt, “sich in ein nigerianisches Mädchen hineinzuversetzen, ist für einen weißen Schriftsteller eine Herausforderung. Für den (weißen) Leser eine Transferleistung. Beides hat eher mit Empathie zu tun als mit Diebstahl.” Das stimmt allerdings nur dann, wenn man den Kontext einer Welt vollkommen ignoriert, in der ein nigerianisches Mädchen sowieso eine derart kleine und unbedeutende Stimme hat, dass erst die weiße Autorin kommen muss, um ihre Geschichte – und damit auch ihre Stimme – zu nehmen.

Die Kritik der Cultural Appropriation – wie eigentlich alles, was von der ignoranten Elite gerne als “Political Correctness” beschrieben wird – will keine Zensur, sondern eine Reflexion. Es ist keine Empathieleistung, wenn hunderttausende Deutsche ihre Karl May-Bücher gelesen haben und davon ausgegangen sind, dass amerikanische Ureinwohner zum einen immer auf die Hilfe des tollen weißen Lederjackenträgers angewiesen sind und zum anderen nicht mehr in ihrer kulturellen Identität vorweisen können als Federschmuck, Friedenspfeifen und Rauchzeichen. Die Appropriation anderer Kulturen ist nämlich in vielen Fällen auch das: ein Herunterbrechen auf Klischees, ein Ignorieren echter Lebenswirklichkeiten aufgrund von Ignoranz, ein “White Gaze” auf das Exotische, Andere, aus dem entweder der noble Wilde oder aber der barbarische Wilde herauskommt.

Eine Kritik und Diskussion um die Tatsache, dass weiße AutorInnen heutzutage immer noch mehr Chancen haben, ihre Geschichten zu erzählen und zwar nicht nur ihre, sondern auch die anderer Kulturen, ist notwendig und sollte nicht ad hoc mit Entrüstung und verletzter Eitelkeit begegnet werden. Aber genau das passiert immer wieder, wenn es darum geht, dass Blackface verletzend ist, dass Leonardo DiCaprio als persischer Lyriker unglaubwürdig ist und dass lauter weiße Männer in Talkshows über das angebliche Burka-Problem reden.

Wie man beispielsweise über andere Kulturen schreibt, ohne ihnen die Kultur zu nehmen, kann man aktuell in der Graphic Novel “Madgermanes” von Birgit Weyhe sehen. Um die Geschichten der Mosambikaner zu erzählen, die damals in der DDR zu tausenden eingeflogen wurden, um als billige Arbeitskräfte zu dienen, hat sie Interviews mit Betroffenen geführt und sie direkt zu Wort kommen lassen. Wir erleben ihre Geschichten nicht durch den verklärten Blick einer weißen Autorin, denn Weyhe nimmt sich zurück und dokumentiert nur das, was ihr die Protagonisten ihres Buches erzählt haben.

Wenn wir wirklich Interesse an anderen Kulturen haben, dann sollten wir auch an den Erzählern anderer Kulturen Interesse haben. Wenn wir über andere Kulturen schreiben wollen, oder sie anderweitig interpretieren wollen, dann sollten wir das auch mit einem historischen Kontext tun und mit dem Wissen, dass wir wenig wissen über die Lebenswelten von Menschen, die in unserer Kultur tagtäglich mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Was weiß ich denn schon vom Alltag einer schwarzen Frau in Deutschland?

Wenn ich darüber schreiben will, sollte ich mich wirklich an Shrivers eingeschränktem Literaturverständnis halten und alles als “fake” betrachten, als Hut, den ich aufsetze und der mich sofort zur schwarzen Frau in Deutschland macht, weil meine Fantasie unbegrenzt ist? Oder sollte ich vielleicht doch anerkennen, dass ich in meiner unendlichen Weisheit nichts weiß, wenn es um die komplexen Lebensumstände von Menschen geht, die zwar den Alltag in Deutschland erleben, so wie ich, aber aus einer völlig anderen Lebenswelt heraus?

Und wie ich bereits erwähnt habe, gibt es ja Mittel und Wege, über andere Kulturen zu schreiben, sogar Protagonisten aus anderen Kulturen in seinen Geschichten zum Leben zu erwecken. Doch die Grenzen zwischen der empathischen Reflexion anderer Lebenswelten und einem reinen kulturellen Imperialismus sind dünn. Ein wenig Nachdenken über den Sinn und Unsinn sowie der Relevanz dieser fremdbestimmten Perspektive sollte doch gerade den SchriftstellerInnen nicht so schwerfallen.

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4 thoughts on “Appropriation: und wir verstehen es einfach nicht

  1. Und wie ich bereits erwähnt habe, gibt es ja Mittel und Wege, über andere Kulturen zu schreiben, sogar Protagonisten aus anderen Kulturen in seinen Geschichten zum Leben zu erwecken.

    Eigentlich sehe ich in diesem Artikel nur einen solchen Weg vorgeschlagen: Die Einführung dokumentarischer Techniken und Ansprüche in die fiktionale Literatur mit dem Ziel, dass nicht mehr “für” Vertreter anderer Kulturen gesprochen wird, sondern sie ihre eigene “Stimme” haben. Das ist – bei aller berechtigten Kritk an Karl May, Fratboys und denjenigen, die den kolonialen Blick nicht ablegen können – eine sehr weitreichende und generalisierende Forderung. Konsequent gedacht, läuft sie darauf hinaus, Fiktionalität grundsätzlich als Machtverhältnis zu verdächtigen, weil im fiktionalen Modus ja immer jemand, also die Autorin, “für” jemand anderen, also die Figuren, spricht.

    Sich auf die Forderung festzulegen, Kunst habe zu dokumentieren, hilft aber meineserachtens gegen das Problem nicht weiter. Moderne Literatur hat, genau wie moderne Literaturkritik, genug Techniken entwickelt, um nicht mehr auf dem Niveau Karl Mays auf das “Fremde” schauen zu müssen – oder um eben, falls das doch passiert, den betreffenden Text als schlecht benennen zu können. Es ist dafür gar nicht nötig, Literatur jetzt eine Dokumentationspflicht aufzuerlegen, was weder dem Stand der Literatur noch dem der Dokumentation gerecht wird.

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    1. Danke für den Hinweis. Ich denke, der Eindruck entsteht, da ich nur Weyhe als Beispiel genannt habe, aber weniger, um aufzuzeigen, welche Methoden akzeptabel sind, sondern eher, um darzustellen, dass niemand den weißen Autoren verbieten möchte, generell über die Erfahrung anderer zu schreiben.
      Es kommt jedoch darauf an, wie man an das Thema herangeht. Und die Kritik der Cultural Appropriation ist halt auch im popkulturellen Bereich oftmals die, dass Elemente einer anderen Kultur aus dem Kontext heraus für oft oberflächliche Effekthascherei genommen werden.
      Entsprechend fordere ich keine Dokumentation, aber etwas mehr Einfühlungsvermögen dafür, ob der Kanon wirklich die weiße Autorin braucht, die sich den Sombrero aufsetzt.

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      1. Ganz ähnliche Schlussfolgerungen zieht heute Francine Prose in der NYR. Sie scheint aus ihrem Text, der reich an Beispielen ist, die Maxime herzuleiten, “fremde” kulturelle Symbole und Zeichen dahingehend zu prüfen, ob sie rassistisch konnotiert oder stereotypisierend sind. Dem könnte ich als gut praktizierbarem ethischen Verfahren zustimmen. Nur: Der Begriff der “Appropriation” wäre damit eigentlich hinfällig.

        Und ganz ähnlich geht es mir mit Ihrer Kritk, “dass Elemente einer anderen Kultur aus dem Kontext heraus für oft oberflächliche Effekthascherei genommen werden”. Ich stimme dem zu, aber mit dem sehr viel stärker generalisierenden Begriff der “Appropriation” hat das eigentlich gar nicht so viel zu tun.

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  2. Appropriation ist an sich nur ein Label. Aber eben doch ein erstaunlich gut passendes.

    Der Sprachursprung ist klar: to appropriate bedeutet u.a. “take possession of by force, as after an invasion” (WordNet) Die Verknüpfung zum Kolonialismus liegt auf der Hand und deshalb taucht der Begriff besonders dann auf, wenn es um die Aneignung kultureller Symbolik in Kulturzusammenhängen geht, die Anschluss an postkoloniale Diskurse haben. “Cultural Appropriation” ist folglich nach dieser Lesart eine Art Kolonialisierung von spezifischen, als identitätsstiftenden Kulturmerkmalen.

    Die Idee, Eigentumsrechte auf Kulturelemente anzuwenden, wird schon eine Weile sehr kritisch diskutiert – siehe u.a. Michael F. Brown (1998): Can Culture be Copyrighted? In: Current Anthropology, Vol. 39, 2. S. 193-222. Erstaunlich ist in dieser Debatte, dass wir zunehmend an vielen Stellen eine von kommerziellen Akteure getriebene Verrechtlichung von Kulturelementen unter dem Schirm des Geistigen Eigentums sehen, andererseits aber die kulturelle Allmende bestimmter Kulturen (inbesondere indigener Bevölkerungen) seit je nicht nur als Selbstbedienungsangebot für diese Akteure dient, sondern zusätzlich einer Aneignung im Sinne auch eines Copyrights unterliegt. (Man denke an Trends bei Biopatentierung.)

    Diesen Kontext um man einbeziehen, um bestimmte Sensibilitäten verstehen zu können. Es geht weniger darum, dass etwas nachgenutzt und zum Beispiel geremixt wird. Sondern tatsächlich darum, dass in einem Übernahmeprozess eine Aneignung verborgen ist, die traditionell die Logik der Ursprungskultur völlig ignoriert, ihre Symbole aber zugleich einer eigenen, meist als überlegen angesehenen Logik (z.B. der Verrechtlichung des Gebrauchs) unterwirft. Aus dieser Sicht ist der Begriff der “Appropriation” sehr passend.

    Man könnte nun sagen, wie Shriver und andere es tun, dass nach der Idee der digitalen Information, durch das Teilen und den Gebrauch immaterieller Inhalte niemand geschädigt wird. Gerade aber die Kulturindustrie, also das Sammelbecken der Top-Appropriatoren, sieht dies anders und verfolgt nicht-lizenzierte Vervielfältigungen mit Armeen von Abmahnanwälten.

    In einer globalen und eng vernetzten Kulturgegenwart sind transkulturelle Wirkungen selbstverständlich unvermeidlich und oft Ursprung großartiger kreativer Dynamiken. Ein Beharren auf eindeutigen und reinen kulturellen Mustern mit klaren Grenzen ist eher nur noch für Trachtenvereine und völkisch-gerichtete Parteien ein gangbarer Weg.

    Worum es aus meiner Sicht in der Debatte geht, ist nicht die Tatsache sondern ausschließlich die Qualität dieses Austausches, wobei Austausch bereits ein Nehmen und Geben impliziert. Die Kritik an den VertreterInnen der Cultural Appropriation richtet sich, so weit ich es verstehe, gegen zwei diskursive Effekte: Einerseits die kulturelle Dominanz, mit der traditionelle Kulturelemente abgewertet und die eigenen Kreationen als überlegen vermittelt werden. Das ist naheliegend immer dann gegeben, wenn es darum geht, Kultur als ein Produkt zu verkaufen und dafür andere Dinge verdrängt werden müssen. Der zweite Aspekte ist die Ausbeutung (exploitation), die Kultur und Kulturelemente als frei abbaubare Rohstoffe interpretiert, aus denen sich beliebig Produkte erstellen lassen und zwar primär für einen der Ursprungskultur fremden Markt. Diese darf dann u.U. diese Produkte zu den Bedingungen der Verwerter (zurück)kaufen.

    Das Problem, das Shriver und andere Akteure der Hegemonialkultur offenbar nicht verstehen, ist, dass es nicht darum geht, ob die Romanfigur eines nigerianischen Mädchens durch einen amerikanischen Autor verhindert, dass eine nigerianische Schriftstellerin ebenfalls ein Buch aus dieser Sicht schreiben kann oder nicht. Sondern eben darum, dass kulturelle Elemente oder auch spezifische und zunächst einmal naturgemäß fremde Identitäten aus einem Kontext entnommen werden, eine Zweckform erhalten und zu Verschiebematerial degradiert werden, das dorthin disponiert wird, wo sich gerade eine Verwendung oder eine Marktlücke finden. Anders wäre es, wenn bewusst eine Auseinandersetzung gesucht wird, die eine kulturelle Öffnung anstrebt und auf Anerkennung des genuinen Wertes des Übernommenen setzt. Das kann immer noch misslingen, aber es wäre dann aus meiner Sicht keine Appropriation.

    Vielleicht als Faustregel: Dann, wenn eine Kulturproduktion sich an Elementen bedient, die aus anderen Kulturen stammen, sie jedoch nur als bloßes Vehikel zur Selbstverwirklichung und Produktentwicklung benutzt, dürfte es sich um Cultural Appropriation handeln. Das ist selbstverständlich legal. Es ist aber moralisch fragwürdig. Genau darauf zielt die Kritik. Auch eine weiße Jungschriftstellerin aus Brooklyn darf natürlich einen Roman aus Sicht eines Burjaten-Schamanen schreiben. Um aber nicht geschmacklos bzw. appropriating zu erscheinen, bedarf es schon sehr viel Recherche und Sensibilität. Oder alternativ eines dekonstruktiven Ansatzes, bei dem diese Verständnisherausforderung Teil des Schreibens wird.

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