Fargo: Musiker oder Lifecoach?

Motor Entertainment, ehemals Radiosender, mittlerweile Musikverlag und Motor TV und Motor.de, hat einen neuen Künstler am Start, den anscheinend selbst Motor nicht so super findet, steht doch in der Beschreibung seiner neusten Single “Fargo erfindet den Pop-Rap nicht neu”, was ja irgendwie sofort am Anfang eine Entschuldigung ist für das, was da kommt, ein absoluter Kardinalsfehler, wenn es um Marketing geht.

“Einfach sein”, heißt die neue Single sowie das äußerst einfache, sprich banale, Musikvideo und darin geht es darum, dass wir zu viel kaufen, verbrauchen, zu viele soziale Medien nutzen usw. blablabla.

Drei Outfits für ein Video von nicht mal 3 Minuten müssen es dann aber doch sein, coole Mackerposen, Designerkleidung an den Kiddies, die auch im Video mitmachen, damit sich die werte ZuschauerIn an die ach so einfache Kindheit (in Designerklamotten) erinnern kann. War alles so viel einfacher als Kind? Ich nennen das ja immer verklärt, wenn mir so etwas unterkommt, nichts gegen meine Kindheit, aber Zwiebelsaft, 3 Tonnen schwere Schulranzen und Bettruhe um 18Uhr waren jetzt auch nicht so geil.

“Wir haben das einfach sein einfach verlernt”, plärrt Fargo und ich frage mich, was er eigentlich damit meint. “Wir brauchten nur einen Schuhkarton und einen Bauklotz” heißt es da, wobei Fargo aussieht, als ob er bereits dick mit Hasbro, Lego und Co aufgewachsen ist, aber vielleicht irre ich mich auch und er ist doch in der Nachkriegsgeneration aufgewachsen und hat sich über einen Kanten Brot und dünne Milch gefreut, wer weiß das schon, die plastische Chirurgie kann mittlerweile Wunder leisten.

Auf Motor.de sieht sich Fargo – immer wieder in neuen Outfits, wo kommen die denn her? – als Evangelist eines neuen Simplizismus. Das ist gerade ziemlich hip, immer mehr junge, reiche Leute ziehen aus in die Welt, nur mit MacAir und Rucksack ausgestattet, oder schaffen sich Wohnungen an, in denen nichts drin ist, weil dadurch angeblich auch Geist und Gesundheit ihren Platz besser finden sollen. Sich von allen Dingen befreien, nur Du und die Kreditkarte – was für 1 Leben.

Das Alles ist ja schön und gut, aber irgendwie so sympathisch wie diverse andere Lifestyle-Trends des gehobenen Mittelstands, die sich eigentlich nur die Leute ausdenken, deren hochbezahlter Beratungsjob irgendwann zu viel wurde und die sich nun auf ihren Millionenbeträgen ausruhen und nebenbei ein Publikationsimperium mit irgendeinem neuen Way of Life aufbauen. Oder halt Leute, die mit nicht neu erfundenem Pop-Rap ein Album verkaufen müssen.

Fargo, beispielsweise, ist Falk-Arne Goßler (nun ratet Drei Mal, wie der Name zustande kam) und ist sicher privat ein ganz netter Typ, aber verkauft sich hier nun mal als Guru der Einfachheit (Einfaltigkeit?) und ist dann auch noch ca. 4-5 Jahre jünger als ich. Ich will hier jetzt gar nicht diese Altersüberheblichkeit an den Tag legen und sagen, dass Mittzwanziger mir nichts über das Leben beibringen können, aber ich kann mit relativer Sicherheit sagen, dass dieser Mittzwanziger mir nichts über das Leben beibringen kann (ich hab zum Beispiel nie mit einem Baustein und einem Karton gespielt und kann diese Nostalgie daher nicht nachvollziehen).

Goßler war außerdem mal Teil der Band The Love Bülow, die so Albumtitel hatten wie “Menschen sind wie Lieder” und als alte Metapher- und Analogietante läuft es mir da kalt den Rücken runter, weil wenn das so wäre, wäre Fargo dann sein eigenes Lied und wäre das wirklich eine Welt, in der wir leben wollen?

Die Sache ist die: Für die Elektrodudeler Captain Capa schreibt Lead Sänger “Ashi” auch schon mal über sein Tourleben auf Noisey. Das ist weit entfernt von meiner Lebenswelt (das Stärkste, was ich trinke ist Kaffeefruchtlimo und ich war seit mehr als einem Jahr nicht mehr tanzen), aber es ist ein schöner Einblick, durchaus humorvoll und schick geschrieben. Es ist das, was man von so einem Musikerblog erwartet, ein Blick aufs Musikerleben und für Fans intimste Geheimnisse der feschen Jungs.

Goßler verkauft hier jedoch etwas ganz anderes und zwar eine Lifestyle-Marke a la YouTube-Star. Ich bin mir sehr bewusst, dass ich nicht das Zielpublikum solcher “Lebensweisheiten” bin, aber es ärgert mich dennoch, dass mindestens einmal im Sommer irgendein Typ (dann auch noch immer Typen!) daherkommt und mir in einem nicht so guten Lied erzählen will, wie schlimm doch die Medien sind, der Konsum und dass ich gar keine Ahnung hätte, wie man LEBEN soll (das Ganze wird übrigens noch schlimmer, wenn es dazu Dreadlocks und Reggae-Beats gibt, hust, MellowMark, hust, hust).

Das ist dann so, als hätte irgendjemand diese schrecklichen Motivationsreden von Typen im Anzug und mit teuren Sneakern mit nem Beat unterlegt, Seminare nur 600€, das Buch für 30€ gibt es am Ausgang.

Ich weiß, dass Betroffenheitsmusik auch ihre Berechtigung hat (auch wenn sie meistens eher schrecklich ist), aber ich höre Musik nicht (und betrachte Kunst generell nicht) als Lifestyle-Coach, sondern vielmehr als Reflektion der Welt durch jemand anderes Augen, Ohren, Texte, etc.

Der immer schon Käsehit “Do they know it’s Christmas” ist selbst an weinerlichen Tagen nicht halb so eindrucksvoll wie Peter Gabriels Call-to-Action-freier Apartheitssong “Biko” und ist sicher auch nicht aus einer halb so ehrlichen Empathie heraus entstanden.

Ich möchte nicht, dass jedes Buch und jeder Song mit einer He-Man-artigen Moral endet, warum es schlecht ist, Müll in den See zu werfen (das hat Fargo übrigens auch irgendwo erwähnt und mit Sicherheit von He-Man geklaut). Und ich fühle mich etwas eklig, wenn jemand mir sein selbstverliebtes Geschwurbel als Lebensweisheit zusammen mit seinem Album verkaufen will. Das ist ungefähr so authentisch, wie der Jutebeutel aus Nylon, den ich gerade aus Trotz in den See geworfen habe. Rant over.

Ein besserer Zeitvertreib als das neue Fargo-Album.

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