Sich auch mal in den Männerclub einladen

In der Morgenpost gibt es einen gut gemeinten Artikel, der Frauen Tipps gibt, wie sie den “Männerclub” durchbrechen. Da muss ich jetzt gar nicht so ausschweifend drauf eingehen, aber ganz kurz dann doch:

“Das gemeinsame Bier unter Kollegen nach der Arbeit mag unwichtig erscheinen. ‘Aber für die Karriere und das eigene Vorankommen sind solche Treffen sehr wichtig’, erklärt Böhnke” (Christian, Personalberater für Frauen).

Da muss ich doch keine Feministin sein, um das sowieso blöd zu finden, dass ich selbst nach Feierabend gezwungen bin, mit den Dödeln aus dem Büro eins, zwei Zwangsbier zu trinken (wer alkoholfrei bleibt, wird standesgemäß belächelt, weil es so unsexy ist, nicht zu lallen oder zum Klo zu stolpern), nur um irgendwie im Beruf weiterzukommen. So etwas nennt man im Volksmund auch “Klüngeln” und das ist nicht nur unprofessionell sondern auch total kontraproduktiv, denn wer sagt denn bitteschön, dass die besten Mitarbeiter die sind, die sich abends gerne betrinken?

“‘Proaktiv sein’, rät Böhnke: Im Notfall sollten sich Frauen einfach selbst auf die Gästeliste setzen, wenn sich die Kollegen für den Abend verabreden.”

Ich will hier nicht sagen, dass ich mich noch nie mit Kollegen abends getroffen habe, aber das auch nur mit ausgewählten Kollegen und auch nicht regelmäßig, denn liebe MoPo, ich habe doch auch mal Feierabend und da möchte ich nicht bierselig über Aufstiegschancen reden, denn dazu gibt es Mitarbeitergespräche und Gehaltsverhandlungen, sondern ich möchte meinen Hobbies nachgehen, meine Freunde treffen, Zeit mit meinem Partner verbringen oder einfach nur völlig nutzlos auf der Couch sitzen und Let’s Plays schauen.

Es ist eine ekelhafte, anachronistische Annahme, dass Zigaretten-, Mittags- und Bierpausen dazu da sind, das Vitamin B zu stärken und sich so nach oben zu saufen, zu essen und zu rauchen. Was für eine lahme Geschäftsführung ist denn so dilettantisch im Talent Management, dass sie nicht auf Arbeitsergebnisse, Teamwork und Zuverlässigkeit schaut? Und nein, “Teamwork” umfasst nicht, dass man sich zwangsweise in Bierrunden einklinken muss, weil man sonst niemals zur Abteilungsleiterin befördert wird.

“Allein aus betriebswirtschaftlichen Gründen sollten Unternehmen ein Interesse daran haben, Frauen zu fördern”, weiß Herr Böhnke schon wieder so klug, denkt dann aber nicht so weit, dass ein Unternehmen aus betriebswirtschaftlichen Gründen das (a-) soziale Verhalten nach Feierabend gerade nicht in die Mitarbeiterbewertung einfließen lassen sollte.

Wenn ich abends mit den Kollegen ausgehe, dann möchte ich das tun, weil die Kollegen nett sind und ich Lust darauf habe, auch meine Freizeit mit ihnen zu verbringen. Ich möchte mich nicht dem sozialen Druck aussetzen, mitgehen zu müssen, weil ich ansonsten beim nächsten Projekt keine Chance habe, eine führende Position einzunehmen, nur weil der Chef nicht unterscheiden kann, dass Kompetenz und Standvermögen in der Kneipe zwei verschiedene Dinge sind.

“Ob männlich oder weiblich: Eine Führungskraft als Mentor kann dafür sorgen, dass man bei wichtigen Entscheidungen mit am Tisch sitzt.” Ja, am Tisch und nicht am Tresen.

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4 thoughts on “Sich auch mal in den Männerclub einladen

  1. Hmja. Also, ich teile das Sentiment, sehr nachdrücklich. Muss allerdings sagen, auch wenn ich selbst zum Glück in einer Position bin, in der mich niemand befördern kann, manchmal muss man in diesen sauren Apfel beißen, um sich zu integrieren. Ich gehe dann nicht so weit, Bier zu trinken, irgendwo hab ich auch Grenzen, aber so Feiern und sowas müssen manchmal sein, scheint mir.
    Und dann frage ich mich immer, wie es sein kann, dass diese Veranstaltungen IRGENDWEM Spaß machen. Und denke immer, ist das so eine Kaisers-neue-Kleider-Sache, wo eigentlich alle nach Hause gehen könnten und dann viel glücklicher wären, wenn man es nur aussprechen dürfte? Hm. Schwierig.

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    1. [Ergänzung: Ich bin ja selbst keine Frau, arbeite aber auch in einem Unternehmen, in dem Frauen in großer Anzahl vertreten sind und in dem deshalb meines Wissens keine Männerclubs in dem Sinne existieren, sondern die Geschlechter bei so Freizeitkram von selbst ziemlich gut durchmischt sind.)

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    2. Aus rein sozialen Gründen und damit man nicht ganz zum Menschenfeind abgestempelt wird, mache ich es in der Tat auch manchmal. Manche meiner Kollegen mag ich sogar ganz gerne, entsprechend ist es nicht so schlimm. Aber ich würde es nie machen wollen, wenn dahinter eine berufliche Agenda stünde, sprich, weniger die Integration als vielmehr die Chancen auf Projektleitung oder wasweißich.
      Sommer- und Weihnachtsfeste sind übrigens meiner Meinung nach reine Schikane, die niemand wirklich mag, aber so gut wie jeder fühlt sich gezwungen, daran teilzunehmen. Dafür gibt es dann halt immer das Essen und die Getränke kostenlos und das bitte auch in guter Qualität.

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  2. Ja, das Gefühl hab ich einerseits auch immer (und nicht mal den Bonus kostenloser Verpflegung), aber andererseits habe ich schon den Eindruck, dass die Leute (natürlich nicht jede einzelne) enttäuscht wären und es als schlechtes Signal empfänden, wenns ausfiele. Ich hab ein paar Mal gefragt. Aber man kann ja manchmal nicht mal von innen Pflichtgefühl und eigentlichen Willen auseinander halten, von außen dann halt noch schlechter.

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