Warum die Kopftuchdebatte oftmals ganz schön doof ist

Neulich auf Facebook geriet ich doch tatsächlich beim Thema Burka in Deutschland in eine Kurzdiskussion mit einem bekannten Liedermacher, dessen Namen ich hier mal weglasse, dessen öffentliches Zurschaustellen seiner, ahem, “Werte” ich dennoch merkwürdig fand, da er besonders in eher linken (wahrscheinlich aber doch konservativen) Studentenkreisen bekannt und beliebt ist.

Seine Meinung nicht einmal zur Burka, sondern gleich zum Kopftuch spiegelte jedoch das wieder, was man immer wieder liest, wenn es um dieses Thema geht. So schrub er, dass ihm jede Frau mit Kopftuch vermittelt, dass sie nicht von Menschen, mit denen sie nicht verwandt ist, angesprochen werden will. So weit, so abstrus.

(Man muss wohl zum einen annehmen, dass der Herr darunter auch alle dörflichen Bauernhofschönheiten meinte, die im Alter von 6-96 Kopftücher aus Sonnenschutz tragen. Oder Frauen, die aus modischen oder auch krankheitsbedingten Gründen zum Kopftuch greifen. Andernfalls nämlich müsste man die schlimme Annahme stellen, dass das Kopftuch nur dann so ein Signal der Unterdrückung ist, wenn es von Frauen getragen wird, die irgendwie so aussehen, als wären sie unterdrückt, sprich, als kämen sie aus “solchen” Ländern.)

Denkt denn auch mal jemand an die Männer?

Zum anderen zeigt sich hier jedoch ein Problem in der gesamten Kopftuchdebatte, die jetzt sogar zur Burkadebatte wird, obwohl es doch kaum bis keine Burkas in Deutschland gibt, das weit am politischen oder religiösen vorbeigeht: sie fühlen sich unangenehm berührt, die vorwiegend männlichen Kritiker des Kopftuches.

“Traurig” mache es ihn, ließ der Musiker verkünden, nachdem ich ihm Polemik vorgeworfen hatte, traurig, dass dieses Symbol der Unterdrückung teilweise sogar freiwillig von den Frauen getragen wird.

Andere fühlen sich beleidigt durch Burka, Niqab und Hijab, da dies angeblich Zeichen der Ablehnung westlicher Kultur wären. Das dürfe nicht sein, denn hier im Westen (etwa in Cannes, oder auch in Jens Spahns Deutschland) gelten unsere Regeln und da darf man nur tragen, was der Westen will.

Als Beispiel wird dann auch schon mal der Springerstiefel genommen, der ja extreme Meinungen hervorruft, wenn man sie am Fuße sieht, das müssten die Burka-Trägerinnen doch merken, dass man sie gleich für Terroristinnen hält, wenn sie so rumlaufen. Nur, dass der Springerstiefel nie zur Debatte stand, verboten zu werden, das fällt dann den Kommentatoren nicht ein, obwohl sicher schon mehr Leute durch den Einsatz von Springerstiefeln schwer verletzt wurden als durch den Stoff einer Burka.

Naja, Kleinigkeiten, es geht ja hier auch nicht darum, westliche Symbole zu verbieten, die ebenfalls asozial wirken könnten, sondern nur um diese eine Sache, die von Frauen getragen wird, um die Frauen zu schützen, aber auch, weil es die Männer so stört, solche Frauen zu sehen.

Werfen dann andere ein, dass sie aber selbstbestimmte, ja sogar feministische Muslima kennen, die ganz freiwillig entschieden haben, zur Hijab zu greifen, dann wird ihnen – wiederum von Männern – vorgeworfen, dass diese armen Frauen es ja gar nicht mehr mitbekommen würden, dass sie sich damit unterdrücken. Gut zu wissen, dass Männer immer am besten wissen, wann Frauen tatsächlich unterdrückt werden und wann nicht, das hat in den letzten Jahrhunderten auch immer ganz gut geklappt.

Ich will hier gar nicht auf den Sinn und Unsinn von Burka, Niqab und Co eingehen. Mir fehlt der theologische Hintergrund, um da wirklich sagen zu können, wie sehr dieses Kleidungsstück an die Religion gebunden ist. Mir fehlt das demographische Wissen, wie sehr sie verbreitet ist und in welchen Gebieten und wie sehr die Frauen dort unterdrückt werden.

Mir fehlt aber auch die Sicht der muslimischen Frau, die bei dieser Debatte leider kaum bis gar nicht zu Wort kommt, um zu sagen, ob es wirklich nur ein Zeichen der Unterdrückung ist, oder aber ein Kleidungsstück, das unter anderem auch zur Unterdrückung verwendet werden kann (wusstet Ihr übrigens, dass man als Frau beim Cannes Filmfest nicht auf den roten Teppich kommt, wenn man keine High Heels trägt? Gut, dass der Bürgermeister von Cannes aber gegen Burkini am Strand ist, freie Unrechte für alle).

Zu guter Letzt das Demokratieverständnis eines musikalischen Mannes, der sich angeblich für die Rechte von Frauen einsetzen will: dass doch jeder das Recht haben soll, jeden anzusprechen, den er ansprechen will.

Ich denke ja, dass eine Demokratie auch erlauben sollte, nicht von jedem dödeligen Musiker angepöbelt zu werden, wenn man einfach mit seiner stylishen Hijab durch die Stadt geht, um sein Ding zu machen und dass ein Kopftuch sogar weitaus weniger abweisend ist als ein Typ, der ein T-Shirt trägt, auf dem “Fuck Off” steht. Wen würde ich nach dem Weg fragen? An dieser Stelle trennen sich wohl unsere Wege, Mann.

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