Netzpiloten und die Digitalisierung: einmal Journalismus, bitte

Diese Woche sind gleich zwei Netzpiloten-Beiträge über digitale Themen in meinen Feed gespült worden, die mir die Tränen in die Augen getrieben haben. Der jüngste ist so banal und wuttreibend faul, dass ich mich hier mal mehr als sonst eines Rants bedienen muss.

Wie die Digitalisierung kurzen Prozess mit kulturellen Klischees gemacht hat“, heißt es da, das klingt ja ganz gut, aufregend sogar. Da ich jedoch beruflich im digitalen Wandel stecke und privat den klassischen Geek verkörpere, muss man mich jetzt schon ziemlich umhauen, um diese steile These zu behaupten.

Und dann muss ich lesen, dass Hendrik Geisler den alten Detektiv-Klischees hinterher trauert, aber anstatt etwas Feines darüber zu schreiben, lieber gleich groß deklariert, dass die Digitalisierung die kulturellen Klischees obsolet werden lässt, weil es – jetzt kommt es – heute keine Zeitung mehr mit Loch gibt, durch die der Spion linsen kann.

Und würde man das jetzt – der Hendrik ist immerhin Geisteswissenschaftler, der Argumentation also mächtig – in logischer Abfolge konstruieren, sähe das Argument so aus:

Es gibt keine Zeitungen mit Löchern mehr in Spionagefilmen, weil wegen der Digitalisierung bald nur noch Exoten Zeitungen lesen und daher ist die Digitalisierung daran schuld, dass alle Klischees verschwinden.

So, abgesehen davon, dass es selbst den Printzeitungen erstaunlicherweise gut geht (siehe hier, vorsichtig, PDF) und ich jetzt hier noch die These eröffnen könnte, dass die kränkelnden Verlage sich das Süppchen selbst eingebrockt haben, weil sie mehr Geld in digitale Konzepte und weniger in guten Journalismus investiert haben (siehe Netzpiloten), gibt es aber einen Punkt, der ganz ohne neu eröffnete Thesenwundertüte schwer wiegt:

Wie komme ich jetzt darauf, dass die Digitalisierung alle kulturellen Klischees zunichte macht, also wirklich alle, obwohl ich nur Klischees nenne, die es halt auch nur für einen kurzen Zeitrahmen gab, weil davor und danach (und zwar bereits lange vor dem Smartphone) neue kulturelle Klischees den Staffelstab übernommen haben?

“Doch ein Loch ins Tablet oder Smartphone bohren und durch dieses blinzeln, wird keine Lösung sein. Wenn Drohnen erst einmal Einzug in jeden Haushalt gefunden haben, wird sich kein Verbrecher mehr wundern, wenn eine Drohne über ihm surrt. Ist ja vollkommen normal geworden, oder? Der Detektiv von morgen steuert die Beschattung mit dem Smartphone.”

Und jetzt sitze ich hier, ein schiefes Grinsen im Gesicht und denke mir: Darf man heutzutage wirklich so etwas schreiben, das wird dann sogar bezahlt und veröffentlicht und niemand packt es in die Kategorie “Kinderquatsch mit Michael”, sondern in die Kategorie “Change” (was auch immer das heißen mag!)?

Diese frei assoziierten Think Pieces, die können ja auch ziemlich gut sein, das liest man ja ab und an im New Yorker, Harper’s und manchmal sogar in deutschen Medien. Aber ich glaube, was Leute wie Hendrik oder auch Marinela Potor, die jüngst über Computer-Arztpraxen im Jahr 2020 als wahrscheinliche (!!!!!) Zukunft schrieb, eher denken ist, dass so ein Think Piece erstens nicht in der Realität geerdet sein muss und sich zweitens auf keinerlei Fakten, Überlegungen oder sogar Sinn stiftende Zusammenhänge stützen muss. Da wird einfach wie früher im Deutschunterricht wild interpretiert, hier und da ein einsames Beispiel genannt (Hendrik nennt genau eine Krimiserie, in einem Beitrag, der den Verlust von Klischees in Krimiserie(n) erläutert) und das muss dann passen.

Jedes improvisierte Percussion-Instrument, das die Digitalisierung dem Stomp-Team nimmt, ist ein Gewinn für die Menschheit. 

Tut es aber nicht. Und zwar aus Gründen. Und jetzt mag der ein oder andere sagen, ‘Ja gut, Jule, schöner Rant, aber wie bitteschön stellst Du Dir das denn so vor?’ Und ich sage, ‘ich stelle mir das so vor, wie eigentlich jeder, der Grundkenntnisse im journalistisch/wissenschaftlichen Recherchieren hat:

  1. Schöne These, Hendrik, aber wie ist das denn mit Klischees, liegt es nicht in ihrer Natur, dass sie durch den kulturellen Wandel ausgetauscht werden?
  1. Überhaupt, wie definierst Du denn Klischees in genau diesem Beitrag, nicht, dass wir aneinander vorbeireden, weil es verschiedene Definitionen gibt.
  1. Was machen denn moderne Agenten, um Leute zu beschatten? Können das nicht auch Klischees sein und wenn nicht, warum nicht?
  1. War die Zeitung mit Loch überhaupt irgendwann ein Klischee, das auch in ernstzunehmenden Krimis angewandt wurde oder handelt es sich hier eh um eine Sache, die überspitzt wurde, um einen komödiantischen Effekt zu haben? Und könnte es sich nicht gerade dadurch weiterhin in der Popkultur halten?
  1. Zu guter Letzt: gibt es denn Beweise, dass es weniger Klischees in Krimiserien gibt, seit es die Digitalisierung gibt?

So, das sind jetzt fünf saftige Punkte, die aus diesem hingeschmodderten Beitrag mit etwas Recherche, Überlegung und ja, auch Gedankenstücken ein richtig famoses Stück Journalismus zum Thema Change, Digitalisierung und Popkultur machen könnten. Und vielleicht geht es Euch so wie mir, ich wäre begeistert von so einem Text gewesen und hätte ihn gerne geteilt. So teile ich das Pendant in schlecht halt ungern und dann auch noch zusammen mit diesem Beef, meinem Think Beef, quasi.

Und ja, so etwas braucht mehr Zeit und Zeit ist Geld, aber liebe Online-Redaktionen und auch Redaktionen: dann ballert mich halt nicht mit 40 Beiträgen am Tag zu, die ich alle nacheinander in die Tonne kloppen kann, sondern gebt mir 10, gerne auch nur 5 hervorragende Beiträge, die ich lese, nochmal lese, markiere, zitiere und weiterleite. Ich les doch eh nicht 40 Beiträge pro Online-Magazin/Zeitung, ich hab doch auch zu tun (zum Beispiel Rants schreiben).

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