Wenn sexistische Nerds sich aufregen, dass sie gar nicht sexistisch sind

Felix Zwinscher schrieb neulich einen Kommentar zum Sexismus-Problem in der IT-Branche. Der etwas unglücklich gewählte Titel „Warum tapsige Nerds nicht mit Frauen können“, sowie eine etwas salopp dahingeschlunzte Argumentation täuschen nicht darüber hinweg, dass es ein reales Problem ist, dass sich mit Zahlen, Umfragen und leider diversen Vorfällen belegen lässt.

Nun gibt es verschiedene Wege, diesem Thema zu begegnen, wenn man aus der IT-Branche kommt.

Ich selbst habe beispielsweise bereits sehr eng mit Programmierern gearbeitet und bislang keine schlechten Erfahrungen gemacht, ganz im Gegenteil, manche waren ausgesprochene Feministen.

Aber da ich nicht blöd bin, und eigene Erfahrungen immer noch von empirischen Erhebungen unterscheiden kann, würde ich mich nie so weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass das Problem erstunken und erlogen ist, nur weil es mich selbst nicht betrifft. Schlimmer noch, ich würde mich selbst nicht so sehr blamieren, dass ich die überwältigend faktischen Beweise einfach so abwinke und so tue als wäre Logik nicht eines meiner Hauptwerkzeuge im täglichen Arbeiten.

Ich würde den Frauen, die in Umfragen von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz reden, auch nicht unterstellen, dass sie zu sensibel sind und ein ungelenkes Flirten nicht von einer Belästigung unterscheiden können. Ich kenne selbst den schmalen Grat zwischen ungelenkem Flirten und einem nicht enden wollenden Strom anzüglicher Bemerkungen, die man des (Arbeits-) Friedens willen nicht mit einem Wutanfall erwidern möchte.

Zusätzlich würde ich mir vielleicht auch überlegen, ob es wirklich keine sexuelle Belästigung ist, wenn ich als Belästigende es nicht als solche erkenne. Wenn Brock Turner eine Vergewaltigung nicht als solche definiert, ist es vor Gericht dennoch eine. Kants kategorischer Imperativ zählt hier nicht, wenn sich ein Nerd selbst wünschen würde, von Frauen am Arbeitsplatz entsprechend belästigt/beflirtet zu werden, heißt das nicht, dass die Frauen es ähnlich sehen.

Ich würde mir auch überlegen, ob es wirklich notwendig ist, den Autoren des Artikels komplett zu diskreditieren, nur weil er vielleicht nicht 100%ig zu der Nerd-Elite gehört, zu der ich mich zähle. Journalisten sind nicht dazu da, jahrelang Undercover zu arbeiten, um Berichte über Berufs-, soziale und anderweitige Gruppen zu schreiben. Ich muss nicht Teil der Pegida-Bewegung sein, um bemerken zu können, dass sie ein Aggressionsproblem hat, ebensowenig wie ich Teil der IT-Manneskraft sein muss, um zu sehen, dass es dort ein Sexismus-Problem gibt.

Zu guter Letzt wäre ich mit meinem Selbstmitleid ein wenig vorsichtig. Ich weiß, dass der weiße Mann beim Thema Rassismus und Sexismus sowie Homophobie (und mehr!) gerne in die Defensive geht und sich völlig zu Unrecht diskriminiert fühlt. Er denkt, weil er sich nicht so daneben benehmen kann, wie er es früher getan hat, hätte er weniger Rechte als andere. Er denkt, dass es Frauen und Migranten aktuell so viel leichter haben als er. Er behauptet dann in den Leserkommentaren, dass hübsche Frauen es so viel leichter im Leben haben als er und nicht mal programmieren können müssen, um zum Head of IT promoted zu werden.

Das alles glaubt er, während es ihm verhältnismäßig gut geht, er dann doch zum Head of IT wird und der Kollegin, die sexuell belästigt wurde, einredet, sie hätte die Situation nur falsch verstanden, während er in Kommentarspalten und in den sozialen Medien dennoch die aggressive Mehrheit bildet, der denkt, Frauen leiden nicht unter Sexismus, sie nutzen die Debatte vielmehr aus, um Falschaussagen über Vergewaltigungen zu machen oder sich an Nerds zu rächen (wofür?), der auch mal der Margarete Stokowski mit einer Vergewaltigung droht (aber ist ja nicht so gemeint), der jedoch gleichzeitig den Migranten mal zeigen will, dass man hier in Deutschland kein Sexismus-Problem hat und deshalb Drohkulissen aufbaut, damit die „dummen Wilden“ sich ja nicht an den deutschen Frauen „vergehen“.

Aber der weiße Mann wird nicht auf offener Straße angeschossen und erstochen, nur weil er soziale und linke Politik gestalten will. Der weiße Mann bekommt nicht mit jedem beschissenen Beitrag über Feminismus Vergewaltigungsdrohungen und Todeswünsche. Der weiße Mann wird nicht schräg angeguckt und für einen Dieb gehalten, wenn er in den Supermarkt geht.

Er ist ziemlich privilegiert. Und es wäre schön, wenn er das mal endlich begreifen würde.

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