Aus’m Radio: Lucius ‚Gone Insane’

Lucius, das harmonischste Duo seit Rider jetzt auch Twix heißt, hat mit seinem makellosen Debüt „Wildewoman“ bereits das perfekte Popalbum kreiert, mit einem Mix aus Balladen zum Heulen (Two of us on the run), knackigen Powersongs für die moderne Frau von Welt („Wildewoman“) und die schönste Verneigung vor den 80ern seit John Waters bei Ru Paul zu Besuch war („How Loud Your Heart Gets“).

Auf Ihrem Sophomore „Good Grief“ geht es nur noch vereinzelt an musikalisch anachronistische Referenzen, dafür wird der Stil, die Tiefe und auch die Emotionalität verfeinert. Und auch das gelingt Jess Wolfe, Holly Laessig und – na gut – auch den Backgroundsängern und –Musikern Peter Lalish und Andrew Burri.

Exemplarisch ist der eindringliche Song „Gone Insane“, dessen „play-doh it like it’s 1986“-Stop-Motion-Knetvideo nicht nur Peter Gabriels famoses „Sledgehammer“ referenziert, sondern auch eindringlich den Text des Songs verbildlicht – ganz so, wie man es sich ja ab und an von Musikvideos wünscht.

„Gone Insane“ handelt von den Momenten in Auseinandersetzungen mit Menschen, die einem nahestehen, in denen man sich hilflos und alleingelassen fühlt, der Fehler scheinbar nur auf einem wiegt, die Schultern und das Rückgrat eindrückt und noch Tage später das Atmen schwer macht.

Entsprechend wird Jess im Video scheinbar von Holly durch die Stop-Motion-Magie verunstaltet, ganz so, wie man sich selbst verlieren kann, wenn man alle Schuld tragen muss, wenn man sich nur noch in den Anschuldigungen des Gegenübers sieht, sich nicht mehr erkennt und am Ende komplett seine Stimme verliert.

„I’m not the only one to blame“ flüstert Jess erst und wird dann doch in den Harmonien zur Hysterie getrieben. Gerade hier liegt auch die Anziehungskraft des Songs, denn „Go on call me the one who’s gone insane, Oh I will be the one who’s gone insane“ wird in hochgeschraubter Verzweiflung gesungen, während sanft säuselnde, dennoch verzerrte Backgroundstimmen das Gegengewicht spielen, die Verletzung, die in derartigen Momenten von der Wut überschattet wird. Genau diese Stimmen tragen uns jedoch auch aus dem Song heraus, während Jess und Holy kaum noch singend, einer Soap Opera-Diva würdig in Tränen aufgelöst immer wiederholen „Oh, I can be the one who’s gone insane.“ Am Ende bleibt jedoch nicht die Wut noch die Verzweiflung, sondern nur noch diese Stimmen, ein letztes Mal wird zart gesungen – am Ende bleibt die Traurigkeit.

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