Sympathisch müsste man sein

Es gibt diverse Studien, die belegen, dass attraktive Menschen in vielen Lebenssituationen besser und freundlicher behandelt werden. Es gibt Studien, die belegen, dass dicke Menschen oft für faul und unhygienisch gehalten werden. Es gibt Studien und leider viel zu viele Beispiele aus den Nachrichten, dass schwarzen Jugendlichen im Gegensatz zu weißen Jugendlichen ein härteres, erwachseneres Strafmaß bei einer kriminellen Handlung aufgebrummt wird.

Das Alles sind Vorbehalte, bewusst und unbewusst, die auch wir selbst mal mehr mal weniger haben und die wir im täglichen Leben anwenden, weil es schwierig und teilweise unmöglich ist, jede Person aus einem Vakuum heraus zu betrachten, um sie so kennenzulernen, wie sie ist. Das geht halt nicht immer. Und es ist zwar schade, aber nicht wirklich dramatisch, wenn wir andere Menschen vielleicht ein bisschen besser behandeln, weil sie uns an eine alte nette Lehrerin erinnern oder schlechter, wenn der Kassierer im Supermarkt wie der unfreundliche Hausmeister aus der Grundschulzeit aussieht.

Es wird jedoch genau dann zu einem großen Problem, wenn unsere Sympathien und Antipathien Grund dafür sind, bestimmte Rechte zu gewähren oder zu entziehen (wie im Fall der Bestrafung weißer und schwarzer Jugendlicher).

Aufgrund ihres Rufes als „Skandalnudel“ wurde beispielsweise Gina-Lisa Lohfink mit ihrer Aussage, dass sie unter Drogen gesetzt und dann vergewaltigt wurde, vielerorts in den Medien nicht ernst genommen. Da liest man dann, dass sie sich das nur ausgedacht hat und es sowieso verdient hat (Oxymoron, much?), dass man so einer eh nicht glauben kann, die will doch nur Aufmerksamkeit, dass es doch auch sehr schwer ist, so einer Frau ein „Hör auf“ abzunehmen, die treibt es doch sonst auch so wild. Wäre sie sympathischer, wäre sie weniger laut, aufreizend und weniger operiert, man hätte ihr wohl etwas mehr Mitgefühl geschenkt. 

Tatsächlich ist es so: Gina-Lisa Lohfink hat Anzeige wegen Vergewaltigung erstattet. Es gibt ein Beweisvideo und – zumindest die öffentlich bekannten – Indizien, dass es sich tatsächlich so zugetragen hat, wie sie es der Polizei gemeldet hat. Ihr Image in den Medien, ihr Ruf als Partygirl und ihr Kleidungsstil sollten ihr weder das Recht nehmen, eine Gewalttat zu melden noch das Recht, dass der Fall objektiv nach konkreten Beweisen und nicht diffusen Klatschgeschichten verhandelt und beurteilt wird.

Mehr noch: wenn Frauke Petry nachhause kommt, und in ihrem Briefkasten liegt eine Todesdrohung, oder ihre Scheibe wurde eingeschlagen, dann hat sie es genauso wenig verdient, wie jeder linke Politiker, egal, was sie in den Medien gesagt hat. Frauke Petry genießt dieselben Grundrechte, wie jeder andere und das ist auch der Schutz vor Gewalttaten. Sind ihre Rhetorik und Politik gefährlich? Ja. Aber sollte man ihr deshalb den Tod wünschen? Nein. Sprüche wie, “dann muss sie halt damit rechnen”, die übrigens auch zahlreichen Feministinnen tagtäglich an den Kopf geworfen werden, wenn diese von Mord- und Vergewaltigungsdrohungen reden, sind menschenrechtlich nicht zu entschuldigen und strafrechtlich relevant. Wird jemandem Gewalt angedroht oder angetan, dann ist das strafbar, unabhängig davon, ob wir als subjektive Sympathiestreuer nun denken, jemand hätte es verdient oder nicht. Gewalt ist keine Bestrafung für unsympathisches Verhalten. Gewalt ist eine Straftat. 

Wenn wir als angeblich zivile Gesellschaft eine echte Gleichberechtigung erreichen wollen, dann müssen wir unsere Sympathien aus Rechtsfragen heraushalten. Das Recht ist keine Wahl zum Klassensprecher, sondern ein neutrales Mittel, um eben die persönlichen Befindlichkeiten aus schwierigen Entscheidungen herauszunehmen.

Ob Erdogan nun völlig inakzeptabel als Politiker ist oder nicht, solange er in Deutschland das Recht hat, eine Klage gegen einen beliebten Comedian zu erheben, darf man ihm diese nicht verwehren, nur weil er am Ende des Jahres nicht den „Miss Congeniality“-Titel der europäischen Politiker gewonnen hat.

Auch wenn Anders Breivik eines der schlimmsten Verbrechen innerhalb Europas in den letzten 10 Jahren begangen hat, stehen ihm im Gefängnis dieselben Grundrechte zu, die jedem anderen zustehen. Er wird nicht zum Unmenschen, indem er verurteilt wird, er darf im Rahmen seiner Bestrafung nicht schlechter behandelt werden als andere. 

Gina-Lisa ist keine Verbrecherin. Gina-Lisa macht keine Politik, die potenziell für Vorurteile und sogar Gewalttaten gegen Flüchtlinge sorgt. Gina-Lisa ist ein C-Promi aus dem Zirkel der Realityshows und verdient ihr Geld mit einem Image, das kurze Kleider und viel Make-up enthält. Gina-Lisa ist vielen unsympathisch. Nichtsdestotrotz ist sie ein Mensch. Nichtsdestotrotz hat sie Rechte. Niemand verdient eine menschenunwürdige Behandlung mehr oder weniger als andere. Immerhin geht es um Grundrechte und nicht um Privilegrechte für männliche, weiße deutsche Comedians, brave, züchtige C-Promis und sympathisch-joviale Politiker. 

Am 27. Juni findet übrigens eine unterstützende Demo für Gina-Lisa von 9 – 14Uhr vor dem Amtsgericht Tiergarten statt. Die entsprechende Facebook-Seite gibt es hier.

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