Ich habe keine Lust auf Böhmermann

Alle paar Monate gelingt der große virale Hit, sei es ein herablassendes Rapvideo, ein herablassendes Schmähgedicht oder ein herablassender “Prank” eines ebenfalls sehr herablassenden TV-Stars – Jahn Böhmermann ist unumgänglich, selbst wenn man ZDFneo nicht schaut oder auch die ganzen hippen Magazine nicht liest, in denen er gefeiert wird.

In Amerika wird übrigens John Oliver gefeiert, der ebenso viral sein kann, dabei jedoch mit Empathie an seine Themenblöcke herangeht. Das mag man dank Klaas & Joko, Böhmermann, Martin Sonneborn und Co nicht so kennen, denn empathische Satire ist etwas, dass der deutschen Unterhaltungskultur im leicht angeklügelten Bereich ganz quer im Hals sitzt. Ständig muss diese meterdicke Ironie vor und hinter jedem trockenen, bitter-gespuckten Witz sitzen, damit ja niemand den Herren an ihre Substanz gehen kann oder schlimmer, ihnen vorwerfen kann, dass sie im Grunde ja doch sehr kleinkarierte überhebliche Alpha-Männchen sind, die mit Kritik wenig, mit Empathie aber noch viel weniger anfangen können.

Und ja, es sind in der Tat nur Herren, Frauen werden scheinbar nur als Begleit-Augenweide a la Palina Rojinski geduldet oder bei Scheitern des Projektes in Form der Böhmermannschen Talkrunde mal eben so vor den Bus geworfen, da ja vorwiegend Schuld an dem Versagen, warum sollte man sonst das Ganze in komplett männlich erneut versuchen?

Und jetzt muss man den einen auch noch so feiern, weil er ein ehrlich gesagt reichlich geschmackloses Gedicht geschrieben hat (bzw. von seiner Redaktion hat schreiben lassen), um zu zeigen, wie Satire und Meinungsfreiheit in Deutschland zusammengehen bzw. wo da die Grenze ist, wenn ausgerechnet ein dünnhäutiger Staatspräsident die Pointe des Witzes ist. Objektiv betrachtet ist dieser Medienrummel sicher eine interessante Zerreißprobe für Politik (insbesondere Außenpolitik) und die demokratischen Grundrechte, doch wieder zurück in meinem subjektiven Stübchen täuscht es nicht darüber hinweg, dass es auch ein wenig davon ablenkt, dass die wirklichen Übel in der Türkei passieren, jedoch niemand darüber redet, weil jeder empört “also in Deutschland halten wir noch was von Meinungsfreiheit” ruft, die Faust schwingt und sich freut, wie mutig doch beispielsweise der Herr Döpfner ist, dass er sich im meinungsfreien Deutschland auf Böhmermanns Seite schwingt. Sprich: der Skandal ist ja interessant, aber den türkischen Opponenten bringt es jetzt auch nicht so viel.

Man muss weder Fäuste noch sich auf Seiten schwingen, um die Strafanzeige an sich zu kritisieren. Ebenso wenig, wie man das rassistische und sexistische Blatt “Charlie Hebdo” zum neuen Satirealmanach küren muss, um die Terroranschläge auf die Redaktion des Magazins zu kritisieren. Wie bereits auf “Überschaubarer Relevanz” mit einem sehr einprägsamen Beispiel beschrieben, haben selbst Massenmörder (die Rede ist von Breivik, nicht Böhmermann) Menschenrechte, die wir schützen sollten, weshalb Satiriker sie sicher auch verdienen.

Wir müssen uns jedoch auch in diesen Fällen nicht überschlagen und plötzlich apologetisch das Werk eines eher minder inspirierten Satirikers (jetzt sind wir wieder bei Böhmermann und nicht bei Breivik) über den grünen Klee loben, zumal dieses Werk eher selten aufklärt, informiert, verschiedene Sichtweisen klar macht oder irgendwie anderweitig zu einem Diskurs beiträgt. Stattdessen ist dieses Werk ob seiner aggressiven Arroganz immer nur der Anstoß dessen, eine Art groteskes Meme, das die Interpretation den anderen überlässt und daher ein wenig so ist wie das krude Graffiti an der hässlichen Hauswand, dass die Diskussion darüber auslöst, ob so etwas nun Kunst oder Sachbeschädigung ist.

Ich will nicht sagen, dass es sowas nicht auch braucht, aber es geht eben auch anders und das Andere, das würde ich mir an der ein oder anderen Stelle tatsächlich einmal wünschen.

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3 thoughts on “Ich habe keine Lust auf Böhmermann

  1. Es ist ja meines Wissens nicht überliefert, ob Breivik nicht vielleicht vorher zu irgendwem gesagt hat “So Kinder, jetzt passt mal auf, Menschen erschießen darf man nicht, wenn also jemand sowas macht wie ich jetzt gleich, das wär verboten.”

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