Unser Song für Stockholm – diese Review wird nicht 3 Mal wiederholt

Barbara!

Willkommen zum Vorentscheid des Eurovision Songcontests, im Folgenden als “VES” bezeichnet. Ähnlich wie viele Flüchtlingen wollen auch die heutigen Kandidaten gerne nach Schweden, um dort in Ruhm und Ehre zu baden. Wie auch Flüchtlinge wird der/die GewinnerIn wohl eher angefeindet und mit Schimpf und Schande zurückgeschickt.

Oh Barbara. Wahrscheinlich hat man sie an das Mikro gelassen, damit die folgenden Stars im Vergleich besser abschneiden. Das ist so, als würde man vor dem McDonalds-Burger eine leicht angegraute Wurstscheibe, die man unterm S-Bahn-Sitz gefunden hat, ablecken.

Ich möchte noch einmal daran erinnern, dass Xavier Naidoo – der nicht einmal an Deutschland als Land glaubt – originär von Leuten für den ES nominiert wurde, die nicht googeln können. Schade, dass die Zuschauer und die Presse es können und sich relativ schnell dagegen ausgesprochen haben. Zwar gab es auch eine Zwangsaktion aller Dödel auf Xaviers Label, wo sich Menschen, die ihn mal auf einer Party getroffen haben (nicht verwechseln mit einem Parteitag oder der Montagsdemo), für eine fünfstellige Summe in der FAZ für ihn ausgesprochen haben, aber der Label-Chef hat sich bereits eine Woche später gegen Xavier ausgesprochen, weil der halt wirklich krass krass ist, wenn man ihn denn mal ungefiltert über Politik reden lässt und weil es anscheinend noch irgendwelche internen Kindereien gab, und die fünfstellige Summe war damit mal so richtig in den Wind geschossen. Haha. #Fail. #EpicFail. #facepalm.

Ich kann das alles schreiben, während die Show längst angefangen hat, weil es eine völlig unnötige Zusammenfassung aller ESs in Echtzeit gibt. Da ist sogar Lena dabei, die man heutzutage vor allem als Ellie Goulding-Double in deutschen Ramschkonzerthallen zu sehen bekommt. You go awkwardly across the stage and try to sing without losing your breath, girl!

  1. Ella Endlich

Die Wahlberlinerin und Hobbyfotografin versucht, die nächste Helene Fischer zu sein und auch wenn ich nicht umhinkomme, Helene Fischer für Ihre Professionalität zu respektieren, möchte ich eigentlich nicht, dass sie andere inspiriert, mehr Schlager in unser Leben zu bringen. Wenn ich Schlager hören möchte, schalte ich einen der Öffentlich Rechtlichen zu irgendeiner Tageszeit ein und freue mich über alternde Stars, die offensichtlich Playback singen.

Der Song ist das, was sich ein Eurotrash-DJ in einem Fiebertraum ausgedacht hat. Bereits in den ersten 5 Sekunden eher atemlosTM gesungen, ist der Song halt so ein Schlager, wie man ihn kennt. Es ist schon schockierend, wie sehr Ella Helene sein möchte, aber Helene klingt live etwas weniger so, als wäre sie gerade von Berlin nach Düsseldorf gelaufen. Da lenken auch die halbnackten Männer auf der Bühne nicht ab – wirklich überzeugend ist die Gesangsleistung nicht. Der Song selbst wäre aber sicher eine nette Zugabe auf der nächsten Helene Fischer-Extravaganza, wo sie den Weltrekord für Luftsaltos beim Singen unter Wasser brechen will. Helene Fischer ist schon ein Tausendsassa.

Übrigens schön: der kleine Angstaugenblick von Barbara Schöneberger, als sie erklärt, dass die Stimmung zum Kochen ist und für eine Sekunde nicht wirklich glaubt, dass das apathische Studiopublikum den Elektroschock auf dem Sitzpolster bemerkt und vergisst, zwangszujubeln.

  1. Joco

Wem Ibeyi zu komplex sind, der wird sich sicher über die harmonischen Popsongs von Joco freuen. Im Grunde sind Lucius, die es übrigens schon sehr viel länger gibt und die auch so am Keyboard stehen, in Harmonien singen (aber richtige Harmonien) und den Beat angeben, aber auch die besseren Joco, nicht zuletzt, weil man – wenn man denn bösartig wäre – dem jungen Duo vorwerfen könnte, Lucius musikalisch so einiges abgeguckt zu haben.

Leider ist ihr Song nicht halb so mitreißend wie beispielsweise “Wildewoman” oder “Turn it around” (Vorbild des Songs “Full Moon”?), sondern plätschert ein wenig belang- und klimaxlos vor sich hin. Wer angeweichten Zwieback mag, der wird auch von Joco schwer begeistert sein.

  1. Gregorian

Oh Leute. Gregorianischer Gesang. Manchmal bin ich hin und weg, dass sich bestimmte obskure Trends aus den 90er Jahren bis ins Jahr 2016 gehalten haben. Ich meine, diese knöpfbaren Trainingshosen, die man wie eine Stripperhose aufreißen konnte, sind weg, aber dafür sind Gregorian da.

Ich denke, wenn man nicht gerade den Soundtrack für “Skyrim” einsingt, oder aber coole Musik für das “Die Höhle des Löwen”-Intros braucht, sind gregorianische Gesänge nur etwas für ältere Hausfrauen und -männer, die sich davon ganz ergriffen fühlen und ganz vielleicht noch etwas für das Mittsommernachtsfest in Mannheim (aber nur mit Feuershow).

Und Falsetto-Dude muss gar nicht so arrogant aus seinem Glitzerbademantel auf uns herabschauen, das deutsche Publikum ist so anspruchslos, dass selbst Mundharmonikaspieler mit ihren Weihnachtsalben auf Platz 1 landen können. Ich hasse es.

  1. Woods of Birnam

Woods of Birnam kenne ich bereits aus früheren Jahren, damals als Schauspieler/Sänger Christian Friedel sich so richtig in einer Matthias Schweihöfer-Komödie verkauft hat. Jetzt muss ich aber erfahren, dass die Band das Titellied für “Honig im Kopf” eingespielt hat und mache mir Sorgen, weil sie früher mal sehr gut waren, aber “gut” und “Honig im Kopf” – das passt nicht zusammen. Und als der Song beginnt, muss ich feststellen, dass die ambitionierten Anfänge der Band innerhalb der letzten Jahre gen schrecklich gewandert sind. Wer denkt, dass der Fall der Kings of Leon schlimm war, der hat wohl noch nie erlebt, wie eine charmante Indieband zu gegelten Turnschuh-Litfasssäulen verkommt. Ich bin mehr oder weniger angeekelt. So müssen sich Jonny Depp-Fans fühlen, die seit 20 Jahren im Koma lagen und erst jetzt aufgewacht sind.

WIE??????WARUM????

  1. Luxuslärm

Wenn es eine Sache gibt, die ich an der deutschen Musik hasse, dann sind es Schlagerbands wie Ich + Ich oder Luxuslärm (alternativ auch LCKMCHMRSCH), die uns vorgaukeln wollen, dass sie keine Schlagerbands sind und dann sogar noch total auf Rock machen. Leute, Jeanshosen und gestutzte Gesichtsbehaarung macht noch keinen Rock aus. Und für jede Niete auf der Jeansjacke gibt es 10 Streetcred-Punkte Abzug, solange der Song in diesen schrecklichen Zeiten etwas Liebe verbreiten will.

Der Song verbreitet ein absurdes Image, das übrigens Rosenstolz (besser) und Silbermond (schlechter) etabliert haben. Im Herzen wären sie alle gerne Tamara Danz, aber die konnte wenigstens singen und hat nicht solche Probleme gehabt, mit dünner Stimme den Ton zu treffen. Es ist Schlager, wenn man singt “ich werde mich wehren mit meinen Tränen”. “Ich tanz mit jedem meiner Feinde?” Mal sehen, ob sie mit den Leuten tanzen geht, die sie am Ende der Performance ausbuhen.

BILD-Titel für morgen: Peter Urban disst Malmö, Schweden ist entsetzt

  1. Keoma

Eine Person des Duos kommt aus Australien, dennoch haben beide einen englischen Akzent. Mysterien der Gegenwart. Der Song des Duos ist auf eine sehr loungige zurückhaltende Soul-Nummer, die in Zeiten von FKA Twigs ziemlich smooth ist. In den höheren Stimmlagen ist Cat leider etwas sehr faserig und abhängig von ihrer Backgroundsängerin, doch im Refrain kann sie sich gegen die bislang sehr mäßigen Performances der anderen behaupten. Aber Leute, es würde mich überraschen, wenn Pop, der ziemlich smart ist, gegen Gregorianer und Schlagerkopien ankommen würde. Wir sind das Land, das Dieter Bohlen regelmäßig mit Nummer 1-Hits suggeriert, dass er Ahnung von Musik hat. Wir verdienen Keoma gar nicht.

  1. Avantasia

Wer einen riesigen Schal mit Totenköpfen braucht, um zu zeigen, dass er rockt, rockt vielleicht nicht ganz so sehr. Aber da Luxuslärm die “Rock”-Messlatte, so tief gelegt haben, dass man erst einmal in ein Loch stürzen muss, bevor man sie erreicht, können Avantasia (oh, ich hasse diese Show, dass ich so einen lächerlichen Namen schreiben muss) natürlich mit ihrem 80er Cheesemetal aus den Yesteryears punkten. Ich wette, der Sänger hört privat Rush und Iron Maiden und glaubt, dass er sowohl musikalisch als auch stimmlich auf demselben Level ist. Ähnlich wie Kanye sich für Einstein hält (yup). Für eine Band, die wie Rush sein will, ist es übrigens nicht sehr löblich, dass man das Schlagzeug nicht hört. Setzen, Sechs, sechs, sechs is the number of the Eurovision Song Contest.

  1. Alex Diehl

Leute, wenn der Eurovision Songcontest eine Sache nicht ist, dann erfolgreich politisch (es sei denn, man ist Conchita Wurst, singt eine absolute Diva-Schmonzette und bringt damit die Luft zum Brennen). Also lasst bitte die weinerlichen Sozialbrandthemen, sondern singt von Schmetterlingen, fragwürdiger Gesichtsbehaarung und Gesangsunterricht (eines davon braucht ihr unbedingt!).

Eins muss man ihm lassen – ich denke, dass Alex authentisch ist und wirklich denkt, dass er hier Zeichen setzt. Aber das heißt nicht, dass ich schlecht gereimte Texte aus dem Deutschunterricht einer 8. Klasse in verschiedenen Sprachen auf der Leinwand lesen und dann auch noch hören möchte, während Alex so eine Mischung aus Westernhagen und Grönemeyer ins Mikro knödelt. Und John Lennon da mit reinzuziehen ist ultramieses Namedropping und in etwa so dreist wie Adel Tawils Ekelsong über die Musik seiner Kindheit (eine Collage aus deutschgesungenen englischen Popsongs, die niemand jemals haben und hören wollte).

Was ich auch nicht will: schlechtes Englisch in einer undefinierbaren Stimmlage zu hören, während Leute ihre E-Zigaretten und Smartphones durch die Luft schleudern, weil Feuerzeuge aus Angst vor Terrorangriffen nicht im Konzertsaal erlaubt waren.

  1. Jamie-Lee Kriewitz

Smudo, der einzige Promi im Raum hat diese Kandidatin gecoacht. Das Problem an “The Voice of Germany” ist, dass die Gewinner direkt nach dem Sieg so schnell ein Album in das Marketingrad schleudern müssen, dass nichts Ordentliches bei rumkommt und die Gewinnerin danach mehr oder weniger schnell wieder in der Open Mic-Night der Lokalkneipe landet.

Ich finde den Song schrecklich und die tieferen Töne werden von Jamie Lee eher gewürgt als gesungen, aber Performance, Outfit und Song sind das, was man sich eigentlich für den ES wünschen würde. Eingängig, generisch und man hat das Gefühl, man hätte den Song schon mal gehört (ja, und zwar besser bei Rihanna und ähnlich emotionslos bei Lana del Rey). Ich hoffe, Deutschland votet die kleine Cosplayerin, vielleicht schaffen wir es dann mal wieder in die einstelligen Plätze.

  1. Laura Pinski

Ein kleiner Tipp an die deutschen Nachwuchsstars – wenn ihr über eure Lebenswelt schreiben und singen wollt, lasst die ängstlichen und hungernden Kindern in der Federtasche und singt lieber über eure Shoppingtouren, Minihunde und cheesy Fotoshoots – Lorde hat beispielsweise mit der Kritik an die Oberflächlichkeit ihrer Generation einen zeitlosen Pophit geschrieben.

Übrigens: nur, weil etwas nicht auf deutsch gesungen wurde, entschuldigt es noch nicht aus dem Schlagerwust. Laura klaut sogar das Effektballkleid, das Helene Fischer in ihrem letzten ARD-Special (das ich natürlich geguckt habe) getragen und wahrscheinlich in ihrer Garderobe hinter der Deko-Topfpflanze vergessen hat.

Ich mache mir jetzt nicht die Mühe hier noch die alberne Langstrecken-Performance der immer redenden, niemals aussagenden Barbara Schöneberger zu dokumentieren, während man versucht, die Zeit unnötig zu strecken, warum auch immer. Es ist schlimm genug, dass Betroffenheitspop der Marke Therapieworkshop es in die Top 3 schafft, jetzt muss ich mir diese Top 3 (“Top” habe ich übrigens sarkastisch eingetippt) noch einmal anhören? Ich weiß ja, dass das Durchschnittsalter des ARD-Publikums nicht unbedingt in die Sparte Jugendfreizeit gehört, aber so vergesslich ist doch niemand.

Übrigens: Außer Dolly Parton darf eigentlich nur Miley Cyrus “Jolene” singen. Wer diesen Song mit einem Lächeln im Gesicht singt, hat ihn nicht verstanden und nicht verdient. Den Bandnamen habe ich übrigens nicht verstanden, also nenne ich das Country-Duo Germanblonde & Amsterdam.

Wer hat gewonnen?

Jaime Lee del Rey!

0 Punkte für Deutschland, aber wenigstens keine Betroffenheitstexte in Comic Sans an der Stockholmer Bühnenleinwand.

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