Troll-Journalismus: Hauptsache Clicks

Punk ist, was auffällt, so zumindest die Außenwirkung der mehr als nur Jugendkultur, die in den 60er/70er Jahren in New York vor sich hinbrodelte, bis sie in den 80er Jahren kommerzialisiert und weltweit chic wurde. Es galt, mit auffälligen Frisuren, Klamotten und Musiken den Spießbürger zu entrüsten, das saubergeputzte Image der Vorgarten-Idylle zu beschmieren und mit Grafitti-Parolen die sowieso langweiligen Häuserwände für Gesellschaftskritik (oder tumbe Ego-Sprüche) zu missbrauchen.

Schön wäre es, wenn man hinter den Auswüchsen der deutschen Kolumnen-Kultur eine Punk-Attitüde vermuten könnte, doch Punk erwuchs aus einer generellen Unzufriedenheit mit dem Status Quo, das Stänkern und Pöbeln hatte zum Zweck, eine Fassade zu zerstören, die bereits zu schimmeln begann und keine Luft für sozial Schwache, Andersdenkende, geschweige denn Anderslebende ließ. Das bedurfte krasser Mittel, musste laut und bunt sein.

Laut und bunt sind sie leider nicht, die von Rönnes, Sands und Utz’s der gegenwärtigen Journaille. Pöbeln tun sie trotzdem. Doch wo man im Punk den Willen zur Gegenbewegung vermuten konnte, erscheint es bei den Kolumnisten, die sich über Gleichberechtigung aufregen, als wäre ihre Existenz davon bedroht, eher so, als wollten sie das tun, was eine eher typische Netzerscheinung tut: trollen. Verärgern, aufregen, nur um süffisant grinsend vor dem Bildschirm zu sitzen, sich ob der vielen Kommentare und Shares zu erfreuen, die von zustimmenden Lesern und empörten Kritikern die Clickzahlen in die Höhe treiben. Das freut die Publikationen und vor allem die Marketing-Abteilung.

Journalismus ist das jedoch kaum, denn – hier vermute ich mal – so wirklich abnehmen kann man ihnen diese altbackenen, unsympathischen Meinungen nicht. Ist von Rönne wirklich derartig naiv, wenn es um psychische Krankheiten geht und ekelt sie wirklich etwas an, das ihr aktuell und wahrscheinlich auch zukünftig den Arsch retten wird, wenn sie schwanger und berufstätig sein möchte oder einfach nicht bei der Beförderung übergangen werden möchte? Und kann man Sand wirklich unterstellen, dass er seine weiblichen Bekannten so abfällig sieht und einschätzt? Alleine die Tatsache, dass er Smiley-schmeißend meinen kritischen Kommentar zu seinem eher unerträglichen Artikel „Warum Männer unter Frauen leiden, die 30 werden“ geteilt hat, lässt doch schon ahnen, dass es die Ironie war, die ihn da geritten hat. Ähnlich, wie Anne Utz ihr Polarbären-Gewäsch auf der Freitag so biestig verbreitet, dass irgendwie niemand Sympathien entwickeln kann (nur Eingeweihte, die sich ein wenig erhaben über den Pöbel fühlen wollen).

Aber Ironie, die bringt den Journalismus nur bedingt weiter, besonders, wenn er als subjektivierter Kommentar getarnt ist, sich hinter ekelhaften Kunstfiguren versteckt, die allesamt an Sonneborn erinnern, nur ohne die Agenda, ohne den intellektuellen Anspruch und vor allem, ohne den Punk, etwas verändern zu wollen bzw. etwas anzukreiden. 

Es geht um Clicks, die will man und die kriegt man, wenn man so menschenfeindlich schreibt, dass die, die sich über Feministen und Gutmenschen aufregen, laut klatschen, während die, denen wenigstens etwas an der Menschheit liegt, sich ärgern, aber trotzdem lesen, buhen und teilen.

Das ist zynisches Content Marketing für die Verlage und ein Abgesang des Journalismus der Kolumnenkultur, der doch eigentlich persönlich, aufschlussreich und ja, auch gewagt sein sollte. Doch ohne Ziel (bzw. ohne ein Ziel jenseits der Klickraten) zerfällt doch die Kolumne unter den Fingern, zerbröselt und vermischt sich mit klebrigen Likes und abgestandenen Kommentaren.

Besonders das sollte verärgern (und tut es in meinem Fall): Punk kommt aus dem Kleinen heraus, aus der Minderheit, die sich gegen die farb- und meinungslose Mehrheit stellt und mal ordentlich Rabatz macht. Doch diese Trolle kommen mehrheitlich aus den Redaktionsbüros der einflussreichen deutschen Zeitungen und Magazine, Rabatz wird nur gemacht, damit die Werbebanner verkauft werden können oder damit sich Leute einfach ärgern (so wie ich). Beides macht müde und nimmt die Lust am Journalismus, denn wenn ich Clickbait will, dann geh ich zu Buzzfeed, da gibt es wenigstens Katzen.

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