Frauen in Chefetagen: die WiWo stellt die falschen Fragen

Kürzlich gab es eine deutsche Studie, die ergab, dass Frauen in deutschen Chefsesseln den männlichen Kollegen an eher unschönen (aber notwendigen) CEO-Eigenschaften in nichts nachstehen: Narzissmus, leichte Spuren von Soziopathie (also dem Mangel an Empathie) und was sonst noch typisch für den Erfolg, aber wenig schön für die Gesellschaft ist.

Die Studie gab der Wirtschaftswoche, kurz WiWo, Anlass, ein Interview mit einer der durchführenden Wissenschaftlerinnen zu führen, es befanden sich also zwei Frauen im Gespräch, den Männern kann man diesen journalistisch und wissenschaftlich wenig glänzenden Artikel also nicht in die Schuhe schieben.

Das Ergebnis der Studie hätte einige interessante Fragen aufgeworfen: ob es nur Frauen in die Chefetage schaffen, die eben solche Eigenschaften besitzen, ob diese sowohl für Männer als auch Frauen kontraproduktiv sind und ob es auch Abweichungen davon gibt, immerhin gibt es bereits internationale Studien, die belegen, dass Unternehmen mit Geschäftsführerinnen erfolgreicher sind.

Stattdessen wird bereits mit der ersten Frage in Strohmann-Argument aufgegriffen, dass es so eigentlich nicht gibt: „Sie haben erstmals erforscht, dass Frauen als Chefs keinen Deut schwächer sind als Männer. Dass sie ebenso hart sind und keineswegs weicher, emphatischer führen. Damit belegen Sie auch, dass Frauen als Chefinnen keineswegs die angenehmeren Vorgesetzten für ihre Mitarbeiter sind (…) richtig?“

Dass Frauen angenehmere Vorgesetzte sind, das gehört ja eigentlich nicht zur allgemeinen Meinung über weibliche CEOs, höchstens, dass sie hysterischer, emotionaler und daher weniger geeignet für klare Entscheidungen und sowieso immer kurz vorm Heulkrampf sind (ich paraphrasiere hier mal den Leumund).

Professorin Marion Büttgen antwortet entsprechend zurückhaltend, leider nicht aussagekräftig genug, um die somit in den Raum gestellten nicht-existenten Klischees zu zerschießen. „Dieselben ‘dunklen’ Persönlichkeitsmerkmale wie Männer – entgegen der Klischees“ haben die Frauen der Sudie vorweisen können, darunter die üblichen Führungs, ahem, Qualitäten.

Interessant und leider nicht sehr amüsant wird es bei konkreten Beispielen, was solche Verhaltensweise nach sich ziehen können. Da wird der Siemens-Fall herangezogen (von Männern verursacht) sowie der von Thomas Middelhoff, um zu zeigen, wie negativ – wir erinnern an die Überschrift – Chefinnen doch für Unternehmen sein könnten bzw. sind. Genau jetzt wäre es an Büttgen gewesen, auf eine sehr populäre Studie hinzuweisen, und zwar„The CS Gender 3000: Women in Senior Management“ (Link zur PDF), in der mehr als 3000 Großunternehmen und ca. 28000 Senior Managern untersucht wurden. Das Resultat: Je mehr Frauen in den Chefetagen, desto höher die Gewinne.

Stattdessen erklärt Büttgen: „Dass Chefinnen in punkto kommunikativerem, sensiblerem Führungsstil – bislang jedenfalls – keine Bereicherung sind.“ Zwar bemüht sich die Professorin weiterhin, gegen die aggressiven Fragen (ob diese später so formuliert wurden oder bereits so gestellt wurden, sei mal außer Acht gelassen) anzugehen, spielt Journalistin Claudia Tödtmann jedoch in die sehr manipulative Fragestellung rein. Zwar erklärt Tödtmann auch, dass die Ergebnisse den „Frauenquoten-Gegner“ wohl wenig gefallen werden, wenn denn Frauen „keinen besseren oder schlechteren Griff“ für Unternehmen darstellen, aber noch sind wir ja nicht am Ende des Artikels angelangt. Büttgen – soviel sei ihr gegönnt – spricht nun aus, was eigentlich Thema des Artikels sein sollte: „Wenn Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt anders ticken und mit mehr weiblichen Attributen versehen sind, aber man in Chefetagen männlich funktionieren muss, dann könnte das auch eine Erklärung sein, warum so wenig Frauen oben ankommen.“ Gut, das ist so formuliert, dass man gut und gerne die Augenbraue hochziehen und laut seufzen kann, da man sich sowohl für die männlichen als auch weiblichen Attribute Gänsefüßchen gewünscht hätte, aber lassen wir die Aussage so wie sie ist – denn Tödtmann lässt sie auch so stehen und geht nicht weiter darauf ein, obwohl doch genau hier der Knackpunkt für weitere Forschungen, gesellschaftliche Umstrukturierungen und ein erhoffter Wandel der Führungseigenschaften gelegen hätte.

Es folgt stattdessen ein kurzer Ausflug in die Personalabteilungen, in denen Frauen wohl vermehrt eingesetzt werden, um dann zum Fazit überzuleiten und da kommt es richtig dicke: „Fazit Ihrer Untersuchung ist jedenfalls, dass Chefinnen keine Unschuldsengel sind. Sind sie denn wenigstens umgänglicher, verträglicher?“ „Nein“, erklärt Büttgen, da müsse sie enttäuschen, denn Frauen seien „weniger verträglich als Männer“.

Sie meinen es nicht so, die Büttgens und die Tödtmann, denn immer wieder wird ein wenig eingehakt, dass es ja besser wird, besser werden könnte und es ja sowieso so schwer ist, mit den Chefetagen.

„Sind denn die Top-Managerinnen heute, die die besseren Männer sein wollen [sic], nur die Vorhut für die nächste Generation von abgeklärteren Managerinnen, die auch in der Lage sind, echt zu führen (…)?“

Ja, wahrscheinlich, wird optimistisch in die Zukunft geblickt, die Zukunft, in der weibliche CEOs bessere Ergebnisse erzielen, die „weniger erwerbsgierig und kollaborativer bei Entscheidungen sind , wenn es nach der Studie von den über 28000 Führungskräften (im Vergleich mit den 500 von Büttgens Studie) geht, die allerdings nicht in der Zukunft, sondern bereits in der Gegenwart durchgeführt wurde.

Dass verschiedene Studien verschiedene Ergebnisse erzielen können, das ist nichts Neues und auch kein Skandal. Dafür muss man auch nicht die eine Studie in den Papierkorb werfen, ganz im Gegenteil. Doch in einem Fachmagazin, dass sich mit einem derartigen Brennthema auseinandersetzt, hätte man schon erwarten können, dass konträre Studienergebnisse zumindest erwähnt und kurz erläutert würden. Stattdessen hat man fast das Gefühl, Büttgen und Tödtmann säßen gemütlich am Stammtisch und würden locker plaudern, anstatt ein aufklärendes Gespräch darüber zu führen, dass anscheinend kontraproduktive Eigenschaften unter CEOs gefördert werden.

Apropos, die zweite Haupterkenntnis der Studie wird dann gnädigerweise auch im letzen Absatz kurz erwähnt, obwohl diese doch auch interessanten Gesprächsstoff bieten würde: „Frauen zeigen deutlich mehr Offenheit für Erfahrungen, sie sind neugieriger, offener für neue Lösungen. Sie haben Sinn für Kreatives, sind offener für Emotionen und haben mehr Fantasie.“ Was das für Unternehmen bedeutet, wird leider im Gegensatz zur ersten Haupterkenntnis nicht weiter erläutert, schade, aber ja vielleicht beim nächsten Treffen in der Stammkneipe. Zuletzt das vermeintlich feministische Schlusswort: „Männer wollen in ihrer Symbiose vermutlich nicht gestört werden“, weshalb sie in den Gremien lieber für sich bleiben. Na dann, Prost.

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