„Amy“ – wenn Musikjournalisten eine Meinung haben

„Pathetisch“ nennt Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“ den „Versuch“ von Asif Kapadia, die Künstlerin Amy Winehouse in seiner Dokumentation „Amy“ in den Vordergrund, den Medienrummel als rahmenden Hintergrund zu stellen.

Dabei regt sich Balzer auf, dass diese „ästhetische Selbstreflexion“ (Asif kommt in keiner Sekunde zu Wort und bleibt als Regisseur nahezu unsichtbar) kein Niveau erreichen könne. Dabei steckt das Niveau in der Simplizität des Materials, das aus Videoaufnahmen von Freunden, Bekannten und – mit zunehmendem Erfolg – den Medien besteht. In Voice-Over-Kommentaren kommen die Menschen zu Wort, die ihr nahe standen, darunter auch ihr Vater, ihr Ex-Mann Blake Fielder als auch ihr Manager Raye Cosbert, die drei Personen, die maßgeblich für Amys mentalen und körperlichen Zerfall verantwortlich waren.

Auch wenn Balzer wohl nicht ganz so aufmerksam den Film gesehen hat, „die Frage, wer gerade spricht“ wird entgegen seiner Behauptung sehr wohl beantwortet und zwar mit der Einblendung des Namens und der Beziehung zu Winehouse auf dem Bildschirm. Aus den Filmaufnahmen ist ebenso schnell ersichtlich, ob diese privat oder professionell aufgenommen wurden.

Natürlich muss man für eine Rezension einer Doku über einen Popstar nicht nur den Film gesehen haben (und das bestmöglich komplett und konzentriert), sondern sich auch mit dem Popstar auseinandergesetzt haben.

Balzer hat das anscheinend nicht gemacht und setzt auf das Klischee, dass (weibliche) Popstars keinen Anspruch haben, Künstler zu sein. Er geht sogar so weit, Amy Winehouse in einem Satz als Musikerin zu diskreditieren: „Der Erfolg von Amy Winehouse rührte aus Mittelmäßigkeit und Visionslosigkeit.“

Es wird wohl ein Missverständnis gewesen sein, die „Mittelmäßigkeit“ war sicher ein Schreibfehler, der den Mittelstand gemeint hat, aus dem Winehouse erwachsen ist. Der Vater bis zu ihrem Erfolg abwesend, die Mutter nicht in der Lage, die eigensinnige Tochter im Zaum zu halten. Mittelmäßig war Amy jedoch zu keiner Zeit, die Ambitionen als Jazzsängerin – die auch ihr erstes Album „Frank“ ausmachen – sowie die stimmliche Gewalt waren weder durchschnittlich und erst recht nicht visionslos. Doch man mag es Balzer verzeihen, vielleicht hat er „Rehab“ damals zu oft in der Radioschleife gehört und ist immer noch empört darüber, dass ein Mädchen aus derartig unspektakulären Verhältnissen (und mit einer scheinbar wenig klischee-künstlerischen Attitüde) so populär geworden ist.

Der Erfolg von Amy Winehouse – das soll hier einmal gesagt sein – resultierte daraus, dass die Kombination einer Stimme, die es zu der Zeit kein zweites Mal im Pop-Business gab (und bislang nicht gegeben hat) sowie Winehouses Talent als Songwriterin die müden Charts aufschütteln konnte. Damals gab es noch keine Adele, keine Lorde oder Taylor Swift, die ihre Texte selber schrieben und damit authentische Stimmen in die doch so künstliche Pop-Welt brachten. Amy Winehouse war ein fast unerhört vulgäres gleichwohl brillantes Beispiel, was ein echtes musikalisches Talent mit den richtigen Produzenten (Mark Ronson) im Pop anrichten konnte.

Dass die Zwanzigjährige anschließend – und nicht überraschend – mit dem Druck der Medien, ihres Vaters und ihres inkompetenten Managers nicht klarkam und zudem eine der giftigsten Beziehungen der Celebrity-Geschichte einging, wird in „Amy“ sehr schmerzlich dargestellt, wobei die Ambitionen und Visionen der Musikerin immer wieder hervorgehoben werden.

Dadurch gelingt Kapadia eine Biographie, die das Ende natürlich nicht ausblendet, dafür jedoch immer in den Kontext der Person Amy Winehouse stellt, anstatt die Medienberichte, die für die Objektifizierung der gerade einmal 27-Jährigen verantwortlich waren, in den Vordergrund zu stellen.

Balzer sieht das alles nicht.

Die Passion, die er Musikern (allesamt männlich) mit ähnlich frühen Toden zuschreibt (Jimi Hendrix, Brian Wilson, Ian Curtis), spricht er Amy ab, denn die sei lediglich retro gewesen. „Sie wollte nichts erfinden, behaupten, verändern; sie blickte nicht nach vorn, sondern nur zurück.“ Mag sein, dass Balzer nichts mit „Back to Black“ anfangen konnte, denn das Album war kein Griff zurück in den Motown-Sound, sondern der Versuch, die Authentizität der damaligen Songwriter zurück in das 21. Jahrhundert zu holen – das ist nicht retro, das ist der beständige Versuch der Musik, Erlebtes erlebbar für andere zu machen. Unerwähnt bleibt auch, dass Amy im Debüt Jazzmusikerin war und später wieder etwas – sehr wohl neues – in dieser Richtung produzieren wollte. „Back to Black“ war daher der experimentelle Versuch, die emotionale Nähe des Jazz in den Pop zu bringen. Wenn ein Jens Balzer, das nicht für eine Vision hält, ist das schade für den Musikjournalismus der Berliner Zeitung.

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