Nähkästchen: Friss doch mal (weniger)

„Man hat mich übrigens gefragt, wie viel Du wiegst“, sagte mir meine Mutter neulich am Gartentisch, die Sonne knackig über unseren Köpfen, die Füße in einer Wanne mit Wasser. Das hört man eher selten gerne, noch weniger, wenn man Frau ist, denn was man schon von klein auf lernt: egal, wie viel Du wiegst, es ist irgendwie zu viel oder zu wenig oder – wenn schon ganz ok – zu wenig Muskelmasse oder zu viel oder irgendwas ist nicht so gut proportioniert, wie es sein könnte. Kurzum- das Gewicht einer Frau ist nicht ihre Sache, sondern die aller anderen, selbst Bekannten von Müttern, die einen gerade 2 Mal im Jahr sehen und dann darüber sinnnieren, ob man nun magersüchtig ist oder nicht. Ganz so, als müsse man noch unterstreichen, dass man es wirklich niemandem Recht machen kann, soll eine andere Bekannte daraufhin gesagt haben, sie würde sich wünschen, ihre Tochter würde sich ein Beispiel an mir nehmen, woraufhin nun für alle erklärt werden musste: nein, das Kind ist doch gar nicht magersüchtig, sondern hat eine dieser lästigen Lebensmittelintoleranzen, bei denen man nichts mehr essen kann, denn – zu allem Überfluss – wird man ja auch immer sensibler, kann nichts mehr ab oder bildet es sich auch noch ein. Nichtsdestotrotz, die Pfunde purzeln unfreiwillig. Und sowieso, wer wünscht sich denn eine Magersucht für sein Kind (hätte man sich das auch für einen Sohn gewünscht oder da doch lieber die Anabolika-Abhängigkeit, wenn dieser zu mager wäre?).

Im Englischen gibt es diesen mir ganz lieben Spruch: Damned if you do, damned if you don’t. Zu Deutsch wohl irgendwie so etwas wie: Am Arsch, wenn man es tut, am Arsch, wenn man es nicht tut. Ob dieser Arsch nun dick oder knochig ist, das interessiert eher selten, es sei denn, man präsentiert ihn im neuen Fitness-Ratgeber (nur 20 Minuten alle 20 Minuten, das schafft ja wohl jeder, selbst die Vollzeit-CEO-Mutter-und-Hobby-Etsy-Laden-Besitzerin). Oder man macht gerade eines dieser Wohlfühl-Spezial-Features für „Sei so wie Du bist“, umrahmt von Diät-Tipps und dieser Schauspielerin, die so kurz nach ihrer Schwangerschaft dank eines strammen Fitnessplans ganz schnell (und toll) wieder abgenommen hat. Da fühlt man sich so wohl, dass man das mit Beth Ditto auf dem Cover feiert, sich dann heimlich dann aber doch den zuckerfreien Jogurt kauft, weil es ja doch schon ungesund ist, wenn man so dick ist und das sei eigentlich der einzige Grund, warum man es nicht so toll fände, wenn sie auf Modemagazinen so tut als wäre sie auch eine Frau, die gerne schöne Kleider trägt. Nicht, dass das irgendetwas mit dem Dicksein zu tun hätte, um die Gesundheit geht es.

Das sogenannte „Fatshaming“ zieht gesellschaftlich schon seit Jahrzehnten seine Kreise, in Studien muss man dann lesen, dass dicke oder – irgendwie nicht netter – „vollschlanke“ Menschen eher mit negativen Attributen (faul und nicht sehr hygienisch) bedacht werden. Fast wie zum Gegenzug kommen die „Big is beautiful“-Kampagnen selten ohne die Kommentare aus, dass ja eh kein Mann (es gibt wohl keine lesbischen „Big is beautiful“-Befürworter?) mit einer Kleiderstange zusammen sein wolle. Da geht man dann nicht durch dick und dünn, sondern fingerzeigt nur, allerdings ohne Blick auf den eigenen Körper, denn den kann man eh nicht sehen, das hässliche Geschwabel/knochige Geklapper.

Das gibt es jetzt sogar schon unter Männern, deren Big is Beautiful-Momente sich im Dad Bod widerspiegeln, der gehässig deklariert, dass die Sixpacks ja eh nur Zeit kosten, die man mit der Familie verbringen könnte. Warum müssen eigentlich nur die Dinge Wellen zum anderen Geschlecht schlagen, die uns eh zum Hals raushängen?

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