Reflexion ist auch keine Lösung: Sarah Wiener und die Veganer

Sarah Wiener hat unlängst im enorm Magazin einen Beitrag darüber geschrieben, dass die Lebensmittelindustrie rund um den veganen Markt ein wenig übereifrig geworden ist und viele vegane Produkte mindestens so durchsetzt mit künstlichen Zusatzstoffen sind, wie die gute alte Billigwurst aus dem Aldi.

Das schreibt sie reflektiert und sogar ihre Bewunderung für Veganer, die es trotz der vielen Hürden (Information, Lebensmittelkennzeichnung, das Ausgleichen von Mängeln) schaffen, sich gesund und vor allem bewusst zu ernähren, findet dort Platz. Das gelänge jedoch nicht allen, so Wiener, denn „was mich aber stört, ist die Haltung vieler, die glauben, allein der Verzicht auf alle tierischen Produkte sei die richtige Antwort.“

Das erbost im Folgenden die Kommentar-Sektion des Artikels, in der vorwiegend darüber gestritten wird, dass doch bitte nicht die Herstellungsweise sowie die artgerechte Haltung der Tiere der Hauptgrund für viele Veganer ist, sondern das Wohl des Tieres und damit der Verzicht auf alle tierischen Produkte.

Das ist schön und gut, aber nicht Thema von Wieners Artikel, weshalb man derartigen Kommentaren schnell sagen darf: Am Thema vorbei, setzen, Sechs.

Natürlich sind Veganer den Karnivoren unter uns einige Schritte voraus, was das ethische Miteinander von Mensch und Tier angeht. Doch Wiener greift das gar nicht an, sondern will nur darauf aufmerksam machen, dass die Lebensmittelindustrie sich einen Scheiß um die eigentlichen Belange der Veganer kümmert, für sie hat sich lediglich ein Markt aufgemacht, der es ermöglicht, überteuerte Produkte anzubieten (vom Sojasteak bis zum veganen Käse), die weder Bio sind noch frei von künstlichen Zusatzstoffen. Das heißt, dass die Herstellung dieser Lebensmittel mit all dem Mist gelingt, die auch die Tierwelt rund um den Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln angreift und darüber hinaus auch den Körper mit Müll verstopft (Pestizide beim Anbau, künstliche Aromen beim Essen).

Leider fällt es den Kommentatoren des Artikels schwer, reflektiert auf den Text zu schauen. Sie lesen nicht, dass auch der Veganer Acht geben muss, dass er nicht die Rügenwalder Mühle unterstützt, wenn er deren vegetarische Produkte kauft. Sie lesen nur die Überschrift „Vegan sein ist auch keine Lösung“ und schon senkt sich der glutrote Schleier des Missmuts.

Aber schauen wir doch über die ein oder andere salopp formulierte Stelle hinweg – die übrigens auch bei von Veganern geschriebenen Artikeln immer mal wieder auftauchen – was Wiener hier schreibt, ist ein etwas unglücklich formulierter Text mit viel Respekt für Veganer. Und zwar so viel Respekt, dass sie sich ärgert, dass die idealistischen Grundlagen derartig von der Industrie missbraucht werden. Was natürlich weniger schön ist und was mir nach einer kleinen Internetdiskussion auch klar geworden ist ist die Tatsache, dass Wiener hier die Verantwortung alleinig auf die Veganer wälzt anstatt eher danach zu verlangen, dass die Industrie etwas Verantwortung übernimmt, sich besser reguliert und einfach mal nicht überall künstliche Aromen, Milchzucker (warum auch immer) und wahrscheinlich auch Streusalz, Kaffeesatzreste und den Kalkansatz von alten Zahnbürsten in die Lebensmittel reinmischt.
Das sollte jedoch nicht davon ablenken, dass hier etwas angesprochen wird, das ein Problem für viele Veganer ist, denn nicht jeder hat die Zeit und Muße (oder das Talent oder das Geld) sich täglich in die Küche zu stellen und selbst zu kochen oder sich im besten Bioladen oder gleich auf dem Bauernhof einzudecken. Aber trotzdem will man sich doch ethisch und gesund ernähren. Es sollte also schon ein wenig Unmut darüber geben, dass die Industrie nicht reagiert, weil die Belange der Kunden sie interessieren sondern weil sie – wie Wiener sehr klar formuliert – einen neuen Esel gefunden hat, der Gold scheißt (Anmerkung d. Red.: ich setze hier keine Veganer mit scheißenden Eseln gleich sondern die Industrie mit einem Arschloch, das die Veganer so sieht).

Es ist leider oft so – und ich schließe mich da nicht aus – dass der Angriff eines Glaubenssystems für Unmut sorgt, selbst wenn es eigentlich kein Angriff ist. Wenn ich mit klugen Menschen über den Feminismus diskutiere oder über nicht sehr pazifistische Formen des Widerstandes (was mich als Pazifistin regelmäßig verzweifeln lässt), dann fällt es mir auch sehr schwer, einen kühlen Kopf zu bewahren. Dann greife ich auch mal zu unfairen Mitteln und werde sogar etwas laut. Während ich aber mit hochrotem Kopf überspitzte Vergleiche anstelle, fällt mir dann meistens auf, dass ich gerade sehr albern wirke und meiner Sache nicht wirklich dabei helfe. Und immer öfter fällt mir dann sogar auf, dass das Reflektieren derartiger „Gegen“-Positionen sogar helfen kann, meine Grundsätze auf Schwachstellen zu überprüfen.

Zu schnell macht man es sich in seinen ethischen Standards gemütlich, dekoriert sie nett aus und beliest sich mit zustimmenden Beiträgen. Die Gegenstimmen wiegelt man schnell ab und in den meisten Fällen (das geht Veganern wohl ähnlich wie Feministen und LGBT-Befürwortern) ist das auch angebracht. Was dabei jedoch untergeht, sind die Kritikpunkte aus den eigenen Reihen, die Überlegungen von Mittstreitern (seid so gnädig und seht Wiener als Mitstreiterin an), die die Risse im Mörtel sehen und eingreifen wollen, bevor alles auseinander bricht. Das sind diejenigen, die das vegane Leben nicht nur akzeptieren sondern respektieren, deshalb jedoch darum Sorge tragen, dass es von der Industrie vereinnahmt und korrumpiert wird (mal ehrlich, Rügenwalder Veggie-Wurst ist ob der aktuellen Zustände der Rügenwalder Fleischwurst fast schon zynisch). Da darf man nicht nur, da muss man zuhören. Und da darf man auch kritisch mit umgehen und muss nicht allem zustimmen (Wieners Text ist leider sehr angreifbar, was das angeht). Aber man kann dort zustimmen, wo es Sinn macht, wo es weiterhilft und wo es auch der eigenen Bewegung hilft.

Interessant: ein Artikel mit Interview von Godo Röben in der Zeit, in dem man sehr deutlich lesen kann, dass es nicht um die Ethik sondern um den Markt geht, wenn es wortwörtlich um die (vegetarische) Wurst geht.

Liebe Veganer, man wird doch nicht zum Morrissey seiner Zunft werden wollen und Leute aus Konzerten verbannen, weil sie nach Wurstwasser riechen?

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