#distractinglysexy – Dank Tim Hunt werden Wissenschaftlerinnen sichtbar

Es ist ja geradezu surreal, wenn ein Wissenschaftler heutzutage auf einer internationalen Konferenz darüber lamentiert, was „Mädchen“ im Labor so können: die Männer ablenken und weinen. Wenn dann auch noch getrennte Labore vorgeschlagen werden, damit sich niemand ineinander verliebt und sich dadurch von der Arbeit ablenkt, schielt man schon nach der versteckten Kamera (obwohl das deutsche Remake ja eher durch Gewaltandrohung und frauenfeindliche Witze gerade diese Aktion nicht als Witz verstehen würde).

Doch der Brite Tim Hunt meinte es ernst, obwohl doch seine Frau ebenfalls eine angesehene Wissenschaftlerin ist (vielleicht arbeitet sie aber auch ausschließlich mit Frauen in einem Labor, das von Tempo gesponsert wird).

Mittlerweile wurde der ganze Medien-Zyklus abgedeckt, nach dem Aufschrei kam die Niederlegung seines Amtes am University College London und mittlerweile gibt es schon den Guardian-Beitrag, in dem Hunt sich über die Medien- und Shitstorm-Schelte beklagt. Doch die Stimme des Mannes – dem man bei aller Dummheit keine Drohungen und Wellen des Hasses wünscht, immerhin ist seine Queen dafür bekannt, dass sie mit einem Rassisten und Frauenfeind verheiratet ist – sei für diesen Beitrag einmal nicht relevant, denn diese Story ist deprimierend und es ist Juni, das Wetter ist schön, der Himmel meistens blau und die Laune sollte doch gut bleiben.

Nein, der wohl schönste Nebeneffekt dieser Aktion ist der daraus resultierende Hashtag #distractinglysexy. Nicht nur, weil er keck und sehr charmant die Äußerungen Hunts, weibliche Wissenschaftler würden nur ablenken und weinen, ad absurdum führt, sondern auch, weil wir plötzlich zahlreiche Fotos von Wissenschaftlerinnen im Netz finden. Echte Wissenschaftlerinnen, so richtig beim wissenschaftlern!

Man weiß ja leider von den Glasdecken und den vielen weiblichen Aussteigern, den Hürden und dem Sexismus. Doch das sind alles tränengetünchte Wutthemen, bei denen mir und vielleicht auch Euch eher der Kragen platz, der Hals ganz dick wird oder der Nagellack vor lauter Fäusteballen ganz zerschmiert.

Für eine Umwandlung der Gesellschaft braucht es jedoch neben der Entrüstung auch positive Vorbilder, der Blick auf die weibliche Minderheit im naturwissenschaftlichen Bereich etwa, die Wissenschaftlerinnen beim Ausgraben, im Labor und beim Auswerten vieler – mal mehr mal weniger wichtiger – Daten. #distractinglysexy ist nicht deshalb ein Wunderwerk der feministischen Freude, weil es sich gegen Vorurteile richtet, sondern weil es die Alternative und die Realität zu eben diesen Vorurteilen sichtbar macht.

Sichtbarkeit ist im Grunde eines der besten Mittel, um Vorurteile abzubauen. Je mehr Frauen ich in Führungspositionen sehe, desto alberner erscheint es mir, dass sie Exoten im Chefsessel sein sollten. Je mehr Männer ich sehe, die zuhause bei den Kindern bleiben, während die Frau arbeitet, desto verrückter erscheint es mir, dass doch der Mann der Ernährer sein sollte. Je mehr glückliche Paare – in welchen Gender- und Beziehungs-Variationen auch immer – ich mit ihren Kindern im Park sehe, desto surrealer erscheint es mir, dass es nur ein akzeptables Familienbild gibt.

Natürlich ist Sichtbarkeit allein kein Allheilmittel, um alle Vorurteile und Hürden abzubauen. Doch ist es nicht schön, wenn es ab und an auch mal von Grund auf fröhliche Memes gibt, die glücklich machen, obwohl man doch gerade bei diesen Themen so oft frustriert ist? Na also.

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