Uni-Affären: Der Troll unter der Diskursbrücke

Für meinen ersten Blogbeitrag hatte ich mir eigentlich etwas locker-Witziges gewünscht, eine leichte Angriffsfläche, ein gekonntes süffisantes Kommentieren einer üblich unsensiblen Bierwerbung oder eines unbedarften Kommentars mit Clickbait-Headline einer jungen Anti-Feministin.

Und jetzt das: Professoren-Watch.

Er sei zu euro-zentriert und würde Frauen und andere Minderheiten aus seiner polit-theoretischen Grundlagen-Vorlesung ausschließen, so der Vorwurf an einen Professor der Humboldt-Universität. Das klingt auf den ersten Blick so, als müsste die gestandene Feministin es vollen Herzens unterstützen, leider muss man sich dann doch an mindestens zwei Dingen daran stören lassen:

  1. Die Vorwürfe sind größtenteils bis gänzlich völlig unbegründet
  2. Die Kritik-Ethik ist – pardon – unter aller Sau

Erst vor kurzem schrieb Femi-Bloggerin Fee auf meintestgelaende.de, dass sie – trotz vieler Kritikpunkte gegen ‚Germany’s Next Topmodel’ – nicht gutheißen kann, dass das Finale durch eine Bombendrohung abgebrochen werden musste. Gewaltandrohung und die Verbreitung von Angst seien kein Diskurs-Mittel und würden sowohl den Bestrebungen der Kritiker der Sendung schaden als auch das relativ junge Publikum eher schlecht als recht beeinflussen.

In der Vorlesung des Geschichtsprofessors gab es keine Bombendrohungen, nicht einmal Heckler (im Comedy-Bereich die allseits unbeliebten Zwischenrufe aus dem Publikum), obwohl gerade eine Vorlesung ja diese sogar zulassen würde (kaum ein Professor würde sich wohl trauen, so zu reagieren, wie gewiefte Stand-up-Comedians).

Stattdessen wurde ein Watch-Blog – anonym – gegründet, der angeblich die inakzeptablen Sexismen des Professors transkripiert und archiviert. Das liest sich leider weder inakzeptabel noch spannend, denn mehr als eine Zusammenfassung der Vorlesung bietet der Watch nicht. Dass sich auch mal die eigene – und ja sehr wohl über Jahre lang gebildete – Meinung des Professors in der Vorlesung wiederspiegelt, soll hier wohl empören, erweckt jedoch eher Schulterzucken.

So weit, so langweilig.

Jedoch gibt es ja die Medien und eine PR-Abteilung der Universität und dementsprechend Druck auf Professor und Universität. Ersterer gibt sich sehr offen in seiner Empörung, letztere verhält sich auffällig unauffällig.

Weniger unauffällig verhalten sich indes die Medien, die – zurecht – auf Seiten des Professors sind, jedoch – zu Unrecht – endlich mal wieder einen Grund haben, die „politisch korrekten“ Extremisten, die bösen Feministen und sowieso die stressigen Studenten zu denunzieren, ganz so, wie der Watchblog den Professor denunzieren will.

Das passiert mit ähnlichen Mitteln: aus eher kleinteiligen Einzelfällen soll durch Auslassung der großteiligen Norm ein Vorurteil gespinnt und bestätigt werden, das sowieso schon alle vermutet haben (auf der Blogwatchseite der alte sexistische und rassistische Professor, der sicher auch heimlich Nazi-Porzellan im Keller aufbewahrt, auf der Medien-Seite die garstige feministische Studentin, die nur darauf wartet, das Leben eines natürlich männlichen Profs zu ruinieren).

Besonders die FAZ gibt sich redlich Mühe in den ersten 4/5 einen gut recherchierten Artikel zum Thema mit vielen Zitaten der Beteiligten vorzulegen, um dann im letzten 5tel zum Schlag auszuholen. Dort wird ohne Link (böse FAZ, und das will gelernter Journalismus sein?) auf einen Artikel der New York Times verwiesen, in dem die schreckliche Terror-Herrschaft der kritischen Studenten angesprochen wird, die etwa Professoren bei bestimmten Themen „die Kompetenz absprachen (zum Beispiel Abreibung)“ oder dafür sorgten, eine Afrofunk-Band auszuladen, da „zu viele Weiße in der Band spielten“.

In dem NYT-Artikel geht es tatsächlich um Studenten, die sich von der Meinungs-Vielfalt der Universität überfordert fühlen. Doch Autorin Judith Shulevitz regt sich nicht über die Studenten auf, sondern vielmehr über die bürokratischen Grundlagen, die durch die Universität entwickelt wurden und die eben solche Überreaktionen ermöglichen. Selbst eine eher zurückhaltende Universität gibt somit nicht das beste Bild ab.

Eine gesunde Debattier-Politik sollte niemand kritisieren, weshalb es nicht die bösen bösen Studenten sind, die alles kaputt machen, sondern die Instanzen, die solchen Studenten genug Macht geben, die Meinungsfreiheit einzuschränken und somit ein unrealistisches Meinungsuniversum auf Valium – im Hintergrund beruhigende Flötenmusik – zu kreieren. Doch das – liebe FAZ – hat nichts mit dem Watchblog zu tun, denn hier geht es um etwas ganz anderes: Das Trollen eines Diskurses. Und so springen wir jetzt von den Medien zum Urheber des Medienrummels.

Diskussionen, Debatten und ein Diskurs sind etwas Großartiges. Und auch wenn viele mit den Augen rollen, wenn zum x-ten Mal die Ansprache von Titeln (Arzt/Ärztin, Ärzt_innen oder was nun?) moniert wird, so kommt niemand dadurch zu Schaden und im besten Fall setzt ein gewisses Umdenken ein, bei dem es weniger um die Titel, sondern vielmehr um die Akzeptanz geht, dass es eben doch Ärztinnen und nicht nur Krankenschwestern gibt.

Doch jeder Diskurs sollte einer gewissen Ethik und Ordnung zugrunde liegen, damit alle auf einer gleichberechtigten Ebene daran teilnehmen können. Und im Falle unseres Falles sollte es auch eine Hierarchie der Kommunikationsmittel geben, die man dafür verwendet.

Warum sich die Watchblogger nicht persönlich beim Professor gemeldet und ihn mit ihren Anschuldigen konfrontiert haben, schreiben Sie selbst auf ihrem Blog: so seien Sie intellektuell und positionell (ah, die Wissens-Oligarchie der Uni) unterlegen und fühlten sich daher in einer unfairen Position. Was ein einzelner Professor, der sicher nicht der einzige Historiker an der Uni ist, nun gegen ein paar kritische Studenten ausrichten wollte, das wollen wir uns lieber nicht ausmalen. Ich persönlich stelle mir nichts Schöneres als Freizeitbeschäftigung vor, als meinen Kritikern in den nächsten Jahren konsequent das Leben zu ruinieren, denn ich selbst habe anscheinend keines.

An zweiter Stelle wäre natürlich das offene Ansprechen während der Vorlesung angebracht gewesen, immerhin sind – so schreiben die Watchblogger – sie auch nur „Ihr“, also Studenten und sollten sich nicht fürchten, denn in Vorlesungen sitzen eben nicht die Oligarchen auf der Hühnerstange, sondern der – ich übertreibe natürlich – Plebus, der doch die Möglichkeit nutzen könnte, zuzustimmen, aufzubegehren und Berge bzw. Hühnerstangen zu versetzen.

Die anonyme Ansprache, der Watchblog, der offene Brief, etc. die sind – und sollten sein – die letzte Möglichkeit, seiner Ideen Ausdruck zu verschaffen, wenn es keine andere Möglichkeit gibt (sei es durch sozialen Druck, Gefährdund der individuellen Freiheiten, etc.). Anonymität ist ein kostbares Gut im Netz, kann aber ebenso zum Fluch ausarten bzw. zur Erlaubnis, sich in einen Troll zu verwandeln.

  • Der Internet-Troll ist ein oftmals anonymes Individuum bzw. eine Gruppe, die sich mit anstößigen Meinungen in eine Debatte mischen, jedoch ohne Wunsch, daran teilzunehmen, sondern nur mit dem Wunsch, sie möglichst kontraproduktiv aufzumischen und an die Wand zu fahren. Sei es durch Ablenkung vom Thema, beleidigende Kommentare oder unfaire Diskussions-Mittel.

Nur weil ein Watchblog behauptet: „unsere Identität ist irrelevant und jede Meinung nur ein Fraktal“, scheint es geradezu ironisch, dass dieser Watchblog die Meinung eines Individuums (des Professors) auf den Marktplatz zerrt, um dort hinter vorgehaltener Hand gleich ein Exempel zu statuieren. „Nicht alle Professor_innen müssen sich diesen Schuh anziehen. Die meisten leider schon“ schreiben die Anonymen und beschreiben damit den „rechthaberischen Machtanspruch“ der intellektuellen Elite, sprich, der Professoren an einer Uni. Da wird mal eben die Minderheit mit der Mehrheit verwechselt, um dieses Gefühl unter Studenten zu bestätigen, dass sie sowieso immer den Kürzeren ziehen werden, weil die Professoren sie in den Ruin treiben wollen (wir erinnern uns, die haben ja keinen anderen Lebensinhalt). Ähnliches hat die FAZ ja, wir erinnern uns ebenfalls, mit den kritischen Studenten machen wollen, so dass sich die Professoren darin bestätigt fühlen können, dass Studenten nichts anderes vorhaben als sie von der Uni werfen zu lassen, um in den dann Vorleser-freien Vorlesungen Angry Birds zu spielen und den Aufstand zu proben.

Für mich als Feministin ist das aus so vielen Gründen ein Problem, dass ich kaum weiß wo ich anfangen soll und daher bis dato bereits einen leider sehr konfusen Artikel geschrieben habe:

  • Es werden Probleme gesehen, wo keine sind und die freie Meinungsäußerung wird dadurch extrem angegriffen (ja, die Blogwatcher dürfen ihren Blog führen, aber auch der Professor darf seine Vorlesung so halten, wie er will, solange er damit keine Grundgesetze zerhackt, was er nachweislich nicht macht).
  • Durch die Weigerung einer Diskussion mit dem Professor (sowohl im Vor- als auch Nachgang) fällt der Blog aus dem Diskurs – er ist demnach nichts weiter als Trolling.
  • Die Medien-Reaktion sieht dies als gefundenes Fressen, jegliche tatsächliche Kritik seitens von Studenten mit diesem Trolling gleichzusetzen, die es dadurch erheblich schwerer haben wird, sich tatsächlich Gehör zu verschaffen.
  • Auch Professoren werden durch solche Beispiele sehr allergisch auf jegliche konstruktive Kritik reagieren, da sie sich vor Hetzkampagnen fürchten > es entsteht eine beidseitige Meinungsfreiheit auf Eierschalen.
  • Das Alice-Schwarzer-Konzept (das Vergehen einer Feministin wird als Versagen des gesamten Feminismus angesehen) kratzt an der konstruktiven Kritik von Studenten an altmodischen und einseitigen akademischen Veranstaltungen, ergo – wir lassen lieber alles, so wie es war, alles andere ist zu aufreibend.

Was bleibt, sind viele Studenten, die zu Unrecht in einen Topf mit garstigen Trollen geworfen werden, ein Professor, der sich als Rassist beschimpfen lassen muss und ein Diskurs, der nun erneut die Vorurteile bekämpfen muss, die von den Massenmedien gestreut wurden. Da weiß man gar nicht, bei wem man sich bedanken soll, denn die sind ja anonym.

 

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